Interstellar | Film

I’m not afraid of death. I’m an old physicist… I’m afraid of time.
– Professor Brand

Ich mag Bewertungsaggregatoren nicht. Wo für mich schon individuelle Punktevergaben mäßig aussagekräftig sind, versagen die in einer Zahl zusammengetragenen Übersichten vollends. „Interstellar“ hat bei Metacritic momentan 74 von 100 Punkten bei Kritikern gesammelt. Die Zahl alleine kann entweder heißen, dass der Film etwas besser als mittelmäßig ist, oder aber, dass es wenig mehr begeisterte als enttäuschte Rezipienten gibt. Mittelmäßigkeit oder Polarisierung? Da bleibt einem ja nichts anderes übrig, als selbst einen Blick zu riskieren.
Herausgekommen ist, dass mich „Interstellar“ mittelmäßig begeistert und ob des Hypes etwas ratlos zurückgelassen hat.

Dabei fängt alles so toll an. Coop (Matthew McConaughey) beackert im wahrsten Wortsinne seine Maisfelder und es bleibt ihm gar nichts anderes übrig, denn alle anderen Nahrungsmittel sind Staubstürmen und Ungeziefer zum Opfer gefallen und damit auf der Erde ausgerottet. Er lebt mit Schwiegervater, Sohn und Tochter auf einer Farm in der Zukunft, in der die Erde eine massive Katastrophe erlebt hat und die Menschheit dabei offensichtlich drastisch dezimiert wurde. Was genau passiert ist, das wird nur angedeutet und gerade das hat mir super gefallen. Das gesamte world building in der ersten Filmstunde und die Inszenierung insgesamt finde ich grandios und überaus realistisch.

Dann aber geht die Reise in die falsche Richtung los. Der Film kippt in Richtung Weltraum-Sci-Fi und man begleitet Coop teilweise atemraubend bebildert bei dem Versuch, die Familie und gleich die gesamte Menschheit zu retten. Das letzte Dreiviertel im Film bietet alles, was das Sci-Fi-Herz eigentlich begehren sollte: Tolle Bilder und bombastischer Sound, bis zu einem gewissen Punkt akkurate wissenschaftliche Grundlagen, einen Haufen mal mehr, mal minder offensichtlicher Reminiszenzen an viele popkulturelle Sci-Fi-Phänomene (am Offensichtlichsten ist die „2001“ entliehene Optik vieler Szenen im Weltall) und einen großen Batzen philosophischer, moralischer und humanistischer Denkanstöße.

Und der letzte Punkt ist es, der mir den Film irgendwie madig gemacht hat. Denn während ein paar dieser Fragen optisch wie dramaturgisch sehr gut inszeniert sind, konnte ich mit der Hauptaussage von „Interstellar“ wenig anfangen (mehr dazu im Spoilerbereich), weil sie an Banalität kaum zu überbieten ist und in so unendlich vielen Filmen subtiler und damit effektiver verarbeitet wurde.
Auch der Science-Teil bescherte dem Film Licht und Schatten. Während mir als physikalischem Laien das Dargebotene einleuchtend und dem aktuellen Stand der Wissenschaft entsprechend erschien, waren die vielen Erklärungsdialoge der Charaktere dazu zwar notwendig, aber uninspiriert umgesetzt und haben auch irgendwann der Glaubwürdigkeit der Handlung geschadet. Da müssen Coop erst während der Reise die physikalischen Grundlagen eines schwarzen Lochs erklärt werden, obwohl die Mission an Wichtigkeit für die Menschheit nicht zu überbieten ist und deswegen von Anfang an Experten hätten fliegen müssen?
Und schließlich bleibt trotz einer Laufzeit von 169 Minuten zwischen Physik und Philosophie nicht allzu viel Zeit für die Dramaturgie. An einigen Stellen werden interessante Handlungspunkte nebenbei abgehakt oder gar nicht erst aufgegriffen und lieber schnell zum nächsten Thema weitergehetzt (auch dazu mehr im Spoilerbereich), was bei mir in einem fatalen Desinteresse für die Charaktere und deren Motivationen endetet. Das ist umso nerviger, weil gerade Coops Beziehung zu den Daheimgebliebenen der Drehpunkt für das gesamte Filmkonstrukt ist und auch hier Figuren eine größere Rolle, genug jedoch eine kleine bis keine Rolle spielen. Immerhin gab es im Bezug auf die auftretenden Roboter einige sehr spaßige Wortgefechte, in denen ich ebenfalls Anspielungen auf bereits erschienene Sci-Fi-Meisterwerke erkannt haben will. Das schützt aber nicht vor den Problemen, die „Interstellar“ mit dem Setzen falscher Schwerpunkte und der Vielzahl an Denkanstößen entstehen: Es wirkt für mich überfüllt, dabei uneinheitlich und damit insgesamt nur mittelgut gelungen.

Fazit

Wie man Spannung, Wissenschaft und Dramaturgie weitaus besser kombinieren kann, hat ausgerechnet Christopher Nolan selbst bewiesen, indem er in „Inception“ diese Zutaten mit der richtigen Gewichtung organisch verbindet und damit einen Film schafft, den ich mir immer wieder ansehen werde. Ob das bei „Interstellar“ auch der Fall sein wird, bleibt abzuwarten. Ich habe nach dieser ersten Sichtung und mehrtägigem Nachdenken nicht den Eindruck, dass der Film sich zuviel vornimmt und mir bei einer Wiederholung soviel mehr geben könnte. Fantastische Inszenierung, eine gruselig-tolle Zukunftsvision und spannende Wissenschaft hin oder her, er krankt an seiner banalen Aussage und daran, dass er für mich kaum emotionale Bindung zu seinen Protagonisten herstellen konnte.

gesehen: Blu-ray / englisch mU

Wiederschaupotential: nur bedingt

Lieblingscharakter: TARS.
Lieblingsszene: Sämtliche Weltraumszenen.

Eckdaten

Genre: Sci-Fi / Drama / Tragödie
Herkunftsland: USA / UK
Eckdaten: 2014 / 169 Min / FSK 12
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Christopher Nolan / Jonathan Nolan

Andere Meinungen

Der Kinogänger (7.5/10) / Ergothek (4/5) / Filmherum (4/5) / Infernal Cinematic Affairs (6.5/10) / jacker’s 2 cents (7/10) / Medienjournal (9.5/10) / Miss Booleana (10/10) / Singende Lehrerin (7/10) / Tonight is gonna be a large one (8/10)

Spoilerbereich (Aufklappen zum Lesen)

Interstellars Aussage und Thematik

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