12 Years a Slave | Film

Nach Gravity folgt mit „12 Years a Slave“ ein weiterer OSCAR-Kandidat im diesjährigen Wettbewerb in meiner Gesehen-Liste. Dass der Kinobesuch keine leichte Kost bieten würde, war aufgrund der Thematik im Vorhinein klar. Dass es allerdings dermaßen an die Nieren geht, nicht.

Master Epps (Michael Fassbender) begutachtet sein neues Eigentum, darunter Solomon (li., Chiwetel Ejiofor) | Quelle: 12 Years a Slave / Regency
Master Epps (Michael Fassbender) begutachtet sein neues Eigentum, darunter Solomon (li., Chiwetel Ejiofor) | Quelle: 12 Years a Slave / Regency

Erzählt wird ein Lebensabschnitt von Solomon Northup, einem schwarzen Amerikaner, der Mitte des 19. Jahrhunderts im Staate New York lebt und dort ein angenehmes und erfolgreiches Leben führt. Als er sich jedoch mit den falschen Leuten abgibt, gerät er in einen Albtraum, aus dem es kein Erwachen mehr gibt. Er wird in die Südstaaten verschleppt und an einen Plantagenbesitzer verkauft. Unfähig, sich durch Papiere oder wenigstens durch die mündliche Versicherung eines Weißen auszuweisen, lassen ihn die „Master“ wissen, wieviel Wert er in ihren Augen ist…

Die Geschichte hört sich wie der Beginn diverser Thriller an, in denen der Protagonist in schreckliche Situationen geworfen wird und ohnmächtig mit ansehen muss wie Kräfte, die er nicht beherrschen kann, sich wahlweise über sein Leben oder das seiner Liebsten hermachen. Das, was „12 Years a Slave“ jedoch so einmalig und gleichzeitig so schrecklich macht, ist die anfängliche Einblendung „Based on a true story“. Solomon Northup hat tatsächlich gelebt und das dem Film zugrunde liegende Buch geschrieben, in dem er seine Erlebnisse schildert. Während der Hinweis bei vielen Filmen schnell als Effekthascherei gewertet wird, ist das Hintergrundwissen, dass es sich hierbei um eine Erzählung von wahren Ereignissen aus der Sicht von Solomon handelt, von zentraler Bedeutung für den Zuschauer. Man kann damit nicht nur nachvollziehen, warum die Charaktere teilweise recht eindimensional wirken und die Story keine atemberaubenden Twists enthält, es hilft vor allem bei der Erkenntnis, dass vieles, was man sieht, nicht der Fantasie eines Hollywoodschreiberlings entsprang.

Dabei sind die Szenen, in denen explizite Gewalt zu sehen ist, eher selten. Auspeitschungen, Hängen, Prügel, das sind alles Bestrafungen, die auch vorkommen und bei denen man vor Grausen kaum hinsehen kann, nicht unbedingt, weil sie dann in aller Deutlichkeit gezeigt werden, sondern gerade weil sie nicht inflationär oder unnötig auftauchen. Was das bei Weitem Schockierendere ist, das sind die Verhaltensweisen der weißen Südstaatler den Sklaven gegenüber, die wohl heutzutage mit dem Begriff „Alltagsrassismus“ belegt sind. Da werden die Schwarzen wie Vieh auf einer Auktion feilgeboten und es wird über ihren Preis verhandelt, da werden sie mitten in der Nacht zur Unterhaltung zum Tanzen gezwungen und es wird sich ganz offen an ihnen vergangen. Bei all diesen Szenen stehen die Sklaven im Hintergrund mit auf den Boden gerichtetem Blick und wagen es verständlicherweise nicht, sich zu rühren oder gar zu helfen, selbst dann nicht, wenn einzelne von ihnen körperlich misshandelt werden. Die Weißen können machen was sie wollen, sie können sich unter den Sklaven bewegen und agieren. Allein der Umstand, dass sie weiß sind, gibt ihnen die Gewissheit, unangreifbar zu sein. Diese Szenen zeigen eindringlich, welchen Wert die Afroamerikaner zu dieser Zeit hatten und sind deshalb ganz stark.

Überhaupt wird der Film in ruhigeren Bildern erzählt. Lange Einstellungen zeigen die verzweifelten Gesichter, die wirr und trüb umherblicken. Es gibt Szenen, in denen nicht gesprochen und mit denen doch so viel ausgedrückt wird. Geräusche werden dabei sehr wirkungsvoll eingesetzt. Die Worksongs der Sklaven hallen in der nächsten Szene nach, Peitschenhiebe und das Gurgeln eines am Galgen baumelnden Menschen treibt einem den Schauer über den Rücken. Die Filmmusik wird sparsam eingesetzt und wirkt nur am Anfang und am Schluss etwas pathetisch. Als absoluter Gegensatz zu den Greuelbildern werden dann wieder die wunderschöne Landschaft der Südstaaten und Sonnenuntergänge gezeigt.

In dieser Hölle steht Solomon und versucht zu überleben, muss aber mindestens genauso stark darum kämpfen, nicht die Hoffnung zu verlieren. Auf Hilfe der anderen Sklaven kann er nur bedingt bauen, denn alle sind ersteinmal damit beschäftigt, buchstäblich ihre eigene Haut zu retten und jeder hat sein eigenes Rezept dafür. Auch durch sie werden die Schrecken erzählt, die die Sklaven ertragen mussten, die Solomon aber nicht selbst widerfahren sind. Den Gegenpol bilden die weißen Plantagenbesitzer, die Solomon nach und nach kennen und fürchten lernt. Bei vielen davon wünscht man sich, dass ein gewisser „Django“ vorbeischaut und sie ihrer gerechten Strafe zuführt. Alle haben ihre Eigenschaften, die sie auch beibehalten, eine Charakterentwicklung findet allein bei Solomon statt. Bedenkt man, dass seine subjektiven Erfahrungen und Beobachtungen als Grundlage für den Film dienen, dann ist das jedoch nachvollziehbar und hineingeschriebene Wandlungen wären unglaubwürdig.

Dass „12 Years a Slave“ beeindruckt, ist zu einem guten Teil auch dem Cast geschuldet. Chiwetel Ejiofor kann in der Hauptrolle überzeugen und spielt insbesondere im letzten Teil großartig. Und auch Lupita Nyong’o hat sich als Patsey ihre OSCAR-Nominierung verdient. Mindestens ebenso überzeugend und ungleich furchteinflößender ist Michael Fassbender als ein um Macht bemühter und sich selten im Griff habender Plantagenbesitzer. Sein irrer Blick und speicheltriefenden Wutausbrüche haben mich extrem beeindruckt. Einzig Brad Pitt hat mit seinem „Inglorious Basterds“-Genuschel etwas deplaziert gewirkt, was allerdings auch an seiner kleinen – wenn auch wichtigen – Nebenrolle lag.

Insgesamt ist „12 Years a Slave“ ein starkes Portrait einer düsteren Epoche in den USA, dass einerseits durch seine ruhige Erzählweise überzeugt, andererseits durch seinen starken Cast fesselt. Die nicht übermäßig komplexe Story sowie die eindimensionalen Charaktere fallen darum auch kaum auf.
Von mir gibt es 9/10 Punkten.

Gesehen: Kino / englisch

2 Kommentare

  1. An “Django” musste ich auch ein paar mal während dem Schauen denken. Irgendjemand der sich rächt, der für Gerechtigkeit sorgt wäre gut gewesen, damit man als Zuschauer zufrieden gehen kann. Aber da kam nix, denn so war es in Wahrheit.

    Ansonsten ein Top Bericht. Habe ich sehr gerne gelesen und konnte von Anfang bis Ende zustimmend nicken. 🙂

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