5 Gründe, warum ich die Punktewertung an den Nagel hänge

Schon in der Schule waren für mich die Noten in den geisteswissenschaftlichen und künstlerischen Fächern ein Mysterium. Mir ging nicht in den Schädel, warum (m)eine Interpretation einer Geschichte, eines Gedichts oder eines Protagonisten falsch, richtig, falscher oder richtiger im Sinne einer Schulnote sein konnte. Und trotz meines Wissens um das Problem der Bewertung kreativer Werke habe ich hier auch beinahe zwei Jahre lang mit der Zehner-Skala rumbewertet.
Höchste Zeit, das sein zu lassen.

wertung

Denn ich hadere immer mal wieder damit. Den Ausschlag gab schließlich Folge #378 des Nerdtalks, in der darüber diskutiert wurde, wonach man Filme wie bewerten soll, wie die Skala bestenfalls aussieht und ob das Bewerten überhaupt sinnvoll ist. Nachdem ich jetzt ein paar Tage nachgedacht habe, sind mir 5 Gründe eingefallen, die gegen eine Bewertungsskala sprechen.

01. Es gibt keinen festen Maßstab

Mal ab davon, dass man oft schon nicht weiß, ob die Wertung nun den Unterhaltungsgrad, die Kreativität des Films oder die packende Story darstellt, so kann man mit Sicherheit sagen, dass eine Skala immer nach oben offen bleiben muss, wenn es um Medien geht. Es kann nach einem mit Höchstzahl bewerteten Film das nächste Werk kommen, welches noch ein Stück besser ist. Auch wenn beide Filme für sich unterhalten konnten, so wäre der erste Film im Vergleich doch schlechter und hätte dann seine Punktezahl im Verhältnis nicht mehr verdient. Eine feste Bewertung kann demnach nur zum Zeitpunkt der Bewertung ihre Gültigkeit haben. Nur: das bringt mir dann ja schon beim nächsten Film nichts mehr und ab dann ist die Bewertung überflüssig.

02. Es gibt kein objektives Bewertungssystem

Nimmt man an, dass das Bewertungssystem den Unterhaltungswert widerspiegelt, so kann der aus allem Möglichen resultieren. Gerade beim Film gibt es mit Kameraarbeit, Soundtrack, Kulissen oder Schauspielern so viele Punkte, die je nach Präferenz unterschiedlichen Einfluss auf den Unterhalsungswert nehmen; und dabei habe ich den Filminhalt weggelassen, der durch Handlung, Charakterzeichnung, Problemaufwerfung, Spannung etc. in seinen Punkten so dermaßen subjektiv aufgenommen werden kann, wie es in kaum einem anderen Medium möglich ist. Eine Bewertung alleine kann dieser Vielfalt nicht gerecht werden.

03. Filme sind zu unterschiedlich

Ernste Filme, seichte Komödien, Actionfilme, wurscht. Mich kann ein koreanischer Rache-Film unterhalten, an dem ich so gut wie nichts auszusetzen habe. Eine Zombiekomödie landet aber auch oft im DVD-Player, auch wenn sie nicht das innovativste Drehbuch hat. Einen Hai-Horrorfilm schaue ich immer wieder, auch wenn das Schauspiel darin nicht OSCAR-verdächtig ist. Ich habe Spaß an alten Schinken, an generischen Blödelkomödien und kreativen Kammerspielen, auch wenn ich zu fast jedem Film Dinge aufzählen könnte, die mich stören. Es sind jedoch jedes Mal unterschiedliche Dinge, mal das flache Drehbuch, mal das dämliche Schauspiel, mal der grenzdebile Soundtrack, die mir den einen Film verleiden, über die ich aber beim nächsten Film hinwegsehen kann, weil dort das Gesamtpaket passt. In der Skala liegen viele Filme punktemäßig gleichauf, die viel zu unterschiedlich sind, um sie zu vergleichen.

04. Mir macht das Stress

Durch den fehlenden objektiven Maßstab und meine durch die vielen unterschiedlichen Filmgenres hervorgerufene Unfähigkeit, mir eine subjektive Messlatte zu basteln, hadere ich immer öfter mit der Wertung und schummele manchmal, indem ich eigentlich nicht vorhandene Halbpunkte vergebe. Kommt später ein Film, der zwar besser als der 9.5-Film davor ist, aber doch einen kleines Manko enthält, dann will ich keine zehn Punkte vergeben. So mache ich mir manchmal mehr Gedanken über die Zahl als ich mir Gedanken zur gesamten Rezension gemacht habe. Und Arbeitsstress ist mir bei einem Hobby zuwider.

05. Punkte haben keinen Mehrwert

Aus den bisherigen Argumenten folgt für mich damit, dass die Bewertung anhand einer Skala für mich Mehrarbeit ohne Zusatzgewinn bedeutet. Die einzige sinnvolle Verwendung von Bewertungen habe ich bisher auf Tonight is gonna be a large one gesehen, wo man sich durch die Verschlagwortung gute oder weniger gute Filme gezielt raussuchen kann.
Aber auch für den Stammleser oder den sporadisch vorbeischauenden Filmtippsuchenden ergibt sich kein Vorteil aus einer Zahl unter der Besprechung. Was für Gelegenheitsleser sowieso gilt, hat auch für regelmäßig Vorbeischauende Bedeutung: Man muss sich die Rezension durchlesen, damit man sieht, aus welchen Punkten sich die Bewertung zusammensetzt, was der Film bietet und was er versemmelt hat. Je mehr Rezensionen man von einem Autor liest, desto eher kann man beurteilen, ob man dessen Geschmack teilt, womit man seiner Bewertung mehr oder weniger blind vertrauen kann. Da aber kein Filmgucker in seinem Geschmack derart eindimensional ist, mag der Geschmack mit dem des Lesers oft, aber nicht immer übereinstimmen. So ist dann doch das Argument ausschaggebend und nicht die daraus resultierende Bewertung.

4 Kommentare

  1. Als Freund von Bewertungsskalen, im speziellen der 10er Skala, finde ich es schade, dass hier keine Zahlen mehr stehen werden. Ich denke nämlich durchaus, dass diese aussagekräftig sind, zumindest wenn man einem Blog bzw. einem Kritiker schon eine gewisse Zeit folgt, dann kann man eine 6, 7, 8 usw. schon recht gut einordnen. Natürlich ist eine Zahl alleine nicht genug, doch in Zusammenhang mit dem Text stellt sie einen Mehrwert da. Finde ich zumindest. Schon alleine für mein internes Filmregister… 🙂

    1. Ich werde die Bewertung nicht ohne Ersatz streichen, sondern durch andere Informationen ersetzen, die nicht direkt auf einen Vergleich mit anderen Filmen abzielt. Der Blog muss sowieso mal ein wenig aufgeräumt werden, da passt die Veränderung gut.

  2. Ich finde ja ebenfalls, dass eine Punktewertung gar nichts über die jeweilige Qualität des Films aussagt, viel hingegen darüber, wie „gut“ oder „schlecht“ einem der Film gefallen hat. Was toll war, wo der Film überzeugt, etc. kann nur ein Text transportieren, trotzdem ist zur schnellen Einschätzung eine Zahl ganz nett. Aber wenn dich die Zahlenwertung stresst, verstehe ich die Entscheidung total!

    1. „Was toll war, wo der Film überzeugt, etc. kann nur ein Text transportieren, trotzdem ist zur schnellen Einschätzung eine Zahl ganz nett.“

      Sicher, aber eine schnelle Einschätzung bedingt, dass man den Kritiker und seine Vorlieben kennt. Und dafür muss man zumindest ein paar Texte von ihm gelesen haben. Ein Einmalvorbeigucker kann mit der Wertung alleine nichts anfangen und ein Stammleser liest (hoffentlich) sowieso gerne den ganzen Text.

      Und für „ganz nett“ ist mir das inzwischen zuviel „Stress“. 😉

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