Alan Moore – Watchmen | Comic

Seit dem 8.11.2016 treibt in den USA ein Superschurke sein Unwesen. So jedenfalls kommt es einem vor, wenn man das Nachbeben zur US-Wahl in vielen Medien verfolgt. Lethargie breitet sich bei einigen aus und Fassungslosigkeit, erste Proteste finden auf den Straßen diverser Städte statt und vielfach können die Beobachter inner- und außerhalb Amerikas nicht begreifen, wie es dazu kommen konnte. Viele wünschen sich daher einen in bester Comicmanier mit Superkräften ausgestatteten Helden, der wieder für Recht und Ordnung sorgt und die Welt in eine friedlche Zukunft geleitet. Blöd halt, wenn dieser Held eben nicht die Energie und Kraft dafür aufbringen könnte, weil er selbst ein höchst zerrissener Charakter mit eigenen Problemen ist.
Das passiert zum Glück aber nur in der alternativen Welt von „Watchmen„.

Und wie einem das 1985 erschiene Comic beibringt, dass man sich nicht in der realen Welt befindet, ist nur eine seiner vielen Stärken, die es für mich auf Anhieb zu einem meiner Lieblingsbücher haben werden lassen. Hier ein kleiner Hinweis in einem Dialog, dort eine nebenbei gezeigte Zeichnung in einem Panel und schon weiß man, dass im 1985 von „Watchmen“ ein anderer Präsident im Oval Office sitzt als in der Realität oder dass ein Kriegsausgang eine andere Wendung genommen hat. Keine großen Erklärungen und Abhandlungen, die vom eigentlichen Inhalt ablenken. Man muss ein wenig mitdenken um zu merken, dass da irgendwas nicht so ganz stimmen kann. Und warum das dann nicht stimmt, wird erst viel später erklärt. Ganz toll!

Der einzige kleine Dämpfer kommt von der Kernhandlung, die aus einer mittelmäßig komplexen Detektivgeschichte besteht und nur den Aufhänger für die ganzen Themen bietet, die auf Charakter-, Meta- und Meta-Metaebene abgehandelt werden. Protagonist Rorschach begibt sich auf die Suche nach dem Mörder vom Comedian, der in seiner Wohnung abgemurkst wurde. Verbinden tut diese beiden ihre Passion des Superheldentums, dem sie bis dahin zusammen mit einer ganzen Armada an weiteren Mitstreitern gefrönt haben. Ein Großteil des Buches besteht aus der Schilderung ebendieser Charaktere, die unterschiedlicher nicht sein könnten, die aber eint, dass sie so gar nicht der typischen Superheldenfigur entsprechen. Alle zusammen haben mit sich, ihren Taten sowie ihrer Vergangenheit und der Welt zu kämpfen, in der sie sich befinden. Jeder ist auf seine Weise kaputt und kommt weder mit sich noch mit dem Zustand der Welt und insbesondere Amerika besonders gut klar. Würde ich mich besser in der Superheldencomickultur auskennen, so hätte ich vermutlich noch besser die Kommentare verstanden, die Alan Moore mit seinen Helden auf die gesamte Comicwelt – jedenfalls auf die bis 1985 – abgegeben hat. Aber auch ohne Experte auf diesem Gebiet zu sein erkennt man in vielen Figuren Züge von echten Superhelden. Ein „Watchmen„-Batman gibt es ebenso wie einen „Watchmen„-Superman oder eine „Watchmen„-Wonderwoman. Sie bekommen ihre teils ziemlich komplexen Charakterzüge durch Rückblenden und Hintergrundinformationen zu ihrem Leben verpasst und gerade die Kreativität Moores, mit der er diese Hintergrundinformationen am Ende jedes „Watchmen„-Kapitels eingefügt hat, ist es, die das Buch von normalen Comics abhebt. Auszüge aus einer Biografie eines Charakters oder aus Psychatrieakten, Zeitungskommentare oder Geschäftskorrespondenz, all das verleiht den einzelnen Charakteren dermaßen viel Tiefe, dass sie so lebendig wirken wie kaum eine Figur, die ich je in einem Buch oder Comic kennenlernen durfte. Noch lange in Erinnerung bleiben wird mir dabei wohl der Comedian, der vor allem in seiner späteren Karriere für mich nicht nur äußerlich die so logische wie fatale Weiterentwicklung von Captain America ist. Um zu dieser Schlussfolgerung zu gelangen, musste ich mich aber wie so oft bei der Lektüre von „Watchmen“ auf die Metaebene begeben, überlegen, wofür Captain America nun steht, was der Comedian mit ihm gemeinsam hat und wie die Verhaltensweise von letzterem in diesem Komplex zu werten ist. Dass Captain America in der Zeit des 2. Weltkriegs erschaffen wurde und seither die Ideale dieser Nation verkörpert, der Comedian dann die Allegorie auf einen pervertierten, grenzenlosen Imperalismus gibt, das kann man durch die Geschichte und Verhaltensweisen dieses Charakters vertretbar begründen. Man kann die Bilder, welche „Watchmen“ liefert, auch ganz anders auslegen. Solche Interpretationsaufgaben warten wortwörtlich an jeder Ecke von „Watchmen“ und sorgen dafür, dass ich mich auch jetzt, knapp zwei Wochen nach Beendigung der Lektüre, immer noch nicht von diesem Werk losreißen kann.
Moore hat es geschafft, dass man mit so ziemlich jedem Charakter mitfühlen und ihn gleichzeitig hassen kann, so gebrochen sind sie, so vertretbar und verachtenswert sind ihre Weltsichten. Im Grundsatz bleiben sie jedoch allesamt düstere Gestalten, die man drehen und wenden kann wie man will. Einen rein positiv bestzten Figur findet man nicht.

Und mit diesen düsteren Gesellen schlägt „Watchmen“ die Brücke zu seinem zweiten großen Kommentarkomplex, dem auf die (reale) amerikanische Gesellschaft und die (reale) politischen Lage von 1985: Kalter Krieg, atomare Bedrohung, Afghanistankonflikt. All das wabert im Hintergrund, es beschäftigt die normalen Charaktere auf den Straßen New Yorks, von denen einige in „Watchmen“ ebenfalls eine Stimme bekommen, und treibt die Helden voran. Mit philosophisch und politisch geprägten Dialogen und Charakterisierungen lässt Moore viele Sichtweisen auf das drohende Disaster und die amerikansiche Vergangenheit aufblitzen und lässt Lösungsansätze durchdenken, welche sich wiederum in die Geschichte und die einzelnen Charaktere sauber einfügen und so nie aufgesetzt wirken.
Alles fügt sich trotz der immensen Komplexität von „Watchmen“ so sauber zusammen, dass ich mir gar nicht vorstellen mag, wie das Storyboard von Alan Moore ausgesehen haben mag; noch viel weniger, was während des Schaffensprozesses in seinem Kopf vor sich ging. Ein Buch im Comic, das auf der x-ten Metaebene das Geschehen kommentiert? Das Schicksal von dessen Autor? Braucht man für die Botschaft nicht, die man aus „Watchmen“ lesen kann. Ist aber passend integriert. Funktioniert perfekt. Und fügt die nächste Schicht hinzu, mit der das Gesamtkunstwerk wächst.

Zu der Art, wie „Watchmen“ mit Seiten- und Kapitelaufteilung sowie der Bildgestaltung arbeitet, will ich mich mangels Fachkompetenz gar nicht äußern. Auch ohne tieferes Comicwissen ist dieses Buch aber ein unglaublich vielschichtiges, bei dem kein Charakterzug, kein Panel, keine noch so kleine Hintergrundinformation überflüssig oder störend erscheint. Man bekommt Schubkarren voll Denkanstöße und Interpretationsmaterial vor die Füße geworfen, durch die man sich durchwühlen sollte, weil man aus ihnen unglaublich viel ziehen wird, sobald man sich auf das durchweg düstere Szenario und die von Zynismus und Nihilismus strotzenden Figuren einlässt.
Für mich ist „Watchmen“ ein perfektes Buch, welches ich garantiert nicht zum letzten Mal gelesen haben werde.
Und einen Bonuseffekt hatte die „Watchmen“-Lektüre ebenfalls auf mich: Ich interessiere mich seither wieder für die Charaktere und Filme des momentanen Marvel-Overkills…und sei es nur, damit ich beim wiederholten Lesen noch mehr Anspielungen verstehe und Interpetationsmöglichkeiten bekomme.

gelesen: Softcover / englisch

3 Kommentare

  1. Schön mal wieder von dir zu lesen und dann gleich zu so einem Kracher. Hab es auch vor zwei Jahren gelesen und als absolutes Meisterwerk empfunden. Alles was du hervorhebst unterstreiche ich demnach – da steckt eine Menge drin! Und der Stil hat mich auch sehr beeindruckt. Teilweise sind Panels so grandios arrangiert, dass sie beim Lesen eine ganz eigene Form der Bewegung, eine Art gleiten entwickeln. Tatsächlich ist WATCHMEN dann auch dafür verantwortlich, dass ich wieder angefangen habe Comics zu lesen. Hab aber noch nichts vergleichbar gutes entdeckt 😉

    1. Ist allerdings auch meine Befürchtung, dass ich mit dem Krösuns (wieder) angefangen habe und es ab jetzt qualitativ nur noch abwärts gehen kann. 😉
      Aber allein Moore selbst hat mit „V for Vendetta“ etwas geschaffen, was mich thematisch schon angelacht hat. Langweilig wird es wohl vorerst nicht werden…

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