Birdman | Film

Ich habe keine Ahnung, wie der Film genau heißt, den ich gestern im Kino sah. „Birdman„, so wie er in der IMDb steht? Oder „Birdman or (The Unexpected Virtue of Ignorance)„, so wie die Einblendung am Anfang des Films lautet? Oder besser zu deusch: „Birdman oder (Die Unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)„? Im Folgenden halte ich mich an die IMDb, schon allein aus Lesbarkeitsgründen. Und überhaupt ist das völlig wurscht, denn es geht ja um den Inhalt. Und der ist einer der Besten in den letzten Kinomonaten oder sogar Jahren.

Riggan möchte gerne noch einmal im Rampenlicht stehen, kämpft dabei aber sowohl mit sich selbst als auch der lieben Familie. | Quelle: "Birdman" Trailer / Fox Searchlight
Riggan möchte gerne noch einmal im Rampenlicht stehen, kämpft dabei aber sowohl mit sich selbst als auch der lieben Familie. | Quelle: „Birdman“ Trailer / Fox Searchlight

Ein Superheld, der innerlich durch Selbstzweifel und Gewissenbisse ziemlich zernagt ist? Klingt nach „Watchmen„, und wenn man das Superheldenzeug weglässt und eine sehr große Portion Charakterdrama dazupackt, dann ist man mitten in „Birdman„. Die Geschichte von Riggan Thomas hat rein gar nichts mit irgendeinem Superhelden-Actioner zu tun sondern handelt von einem in die Jahre gekommenen Hollywoodstar, dessen Paraderolle im Birdman-Franchise ein paar Jahre zurückliegt und der jetzt mit einem selbstgeschriebenen Theaterstück seine Karriere am Broadway noch einmal anschubsen will. Dass Riggan dabei ausgerechnet von Michael Keaton verkörpert wird und mit Birdman vor mehr als 20 Jahren einen Superhelden spielte, der ja doch etwas an „Batman“ erinnert, ist nur ein toller Schachzug von Schreiber und Regisseur Alejandro González Iñárritu, der aber auch sonst so ziemlich alles richtig gemacht hat, was man in einem Charakterdrama nur richtig machen kann.

Riggan hat nicht nur an seinen bisherigen Karriereentscheidungen und dem Birdman-Stigma zu knabbern, welches im Hintergrund auch gleich noch für eine ordentliche Breitseite gegen den aktuellen Superhelden-Hollywoodtrend genutzt wird. Auch seine Tochter, seine Ex-Frau und seine Freundin geben ihm Anlass, über sich selbst nachzudenken. Die Dramakomponente ist toll geschrieben und man kann mit Riggan in jeder Szene mitfühlen, seine Gedanken nachvollziehen und mit ihm mitleiden. Wem das nicht reicht, der kann sich an den diversen Nebenkritiken erfreuen, wo beispielsweise auch Riggans Wechsel vom Superheldendarsteller zum ernsthaften Theater thematisiert wird.
Damit es jedoch nicht zu deprimierend wird, gibt es auch eine ordentliche Portion Humor oben drauf, die vor allem durch die Figuren und durch ein klein wenig Slapstick ein wunderbares Gegengewicht bietet. Allen voran Edward Norton als Theaterschauspieler Mike ist so lustig wie skurril und auch Zach Galifianakis als Jürgen Klopp Riggans Manager Jake zeigt, dass er schauspielern kann.

Der Fokus auf das Drama bringt eine starke Dialoglastigkeit mit und da die meisten Szenen im Theater stattfinden, in dem Riggans Stück aufgeführt werden soll, geht „Birdman“ schon deutlich in Richtung Kammerspiel. Wobei auch die wenigen Außenaufnahmen super sind und ich mich nach wie vor frage, wie sie auf dem vollen Times Square drehen konnten bzw. wie diese Szene entstanden ist. Inszinatorisch hat Iñárritu aber alle Register gezogen, damit es nicht langweilig wird, und Freunde von Alfonso Cuarón („Children of Men„, „Gravity„) kommen voll auf ihre Kosten. Es gibt enorm wenige (sichtbare) Schnitte und dafür umso längere Plansequenzen, die Kamera folgt den Personen durch das gesamte Theater, umstreift sie in mehreren 360°-Drehungen um dann in den nächsten Raum zu wandern. Szenen sind sowohl von der Kameratechnik als auch von der Ausstattung zuweil höchst surreal und der Score besteht aus einem Schlagzeug, dass mal schnell, mal gemächlicher getrommelt wird, aber ständig präsent ist. Es gibt so gut wie keine stillen Szenen und ganze Dialoge kommen aus den hinteren Lautsprechern. Ich wäre überrascht, wenn „Birdman“ in den akkustischen OSCAR-Kategorien nicht abräumen würde.

Fazit

Birdman“ ist filmtechnisch perfekt umgesetzt und ist anspruchsvoll geschrieben. Ein Charakterdrama mit deutlich humorvoller Seite, das durch die Figuren, die aufgeworfenen Fragen und die eingestreuten Seitenhiebe für jeden etwas bereithält… außer für die reinen Superheldenactiongucker, denn genau darum geht es in dem Film nicht.

Von mir gibt’s 9.5/10 Punkte.

Gesehen: Kino / englisch
Genre: Drama / Komödie
Eckdaten: 2014 / 119 Min / FSK 12
Regie: Alejandro González Iñárritu

2 Kommentare

    1. Die Erwartungen können schiefgehen. Vor mir sind ein paar Typen aus dem Kino gegangen, die offensichtlich darüber verärgert waren, dass es tatsächlich nicht um einen Superhelden geht.
      Sofern Du mir allerdings das Geschriebene glaubst, steht Dir ein toller Kinobesuch bevor. 😉

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mehr davon? Folge mir!

%d Bloggern gefällt das: