Casino | Film

Regisseur Martin Scorsese hat sich ja schon an so manch historischem Stoff versucht, und das größtenteils auch mit Erfolg. Sei es die Gründerzeit von New York in „Gangs of New York“, eine Charakterstudie des Boxers Jake Lamotta in „Raging Bull“ oder die Biografie von Howar Hughes in „Aviator“. Anscheinend sucht sich Scorsese gerne Geschichten aus, die zumindest im außeramerikanischen Geschichtsunterricht nicht behandelt werden, und zeichnet sie in epischer Breite nach, indem sich seine Filme an der Lebensgeschichte einer Person entlanghangeln. In „Casino“ nimmt er eine wenig ruhmreiche Epoche von Las Vegas ins Visier, bei der sowohl Glücksspieler als auch die Mafia eine Schlüsselrolle spielen. Auch wenn es nicht immer geschichtlich akkurat vonstatten geht.

Sam Rothstein schaut sich sein Glücksspielreich von oben an. | Casino / Universal
Sam Rothstein schaut sich sein Glücksspielreich von oben an. | Casino / Universal

Denn auch wenn die Namen in der Geschichte und die Entwicklungen erfunden sind, so gibt es doch starke Parallelen zu tatsächlichen Personen und Geschichten im Las Vegas der 1970er. Die sind auf der „Casino“-BluRay in zwei sehenswerten Dokus verewigt und zeigen, dass Scorsese sich bei vielen Szenen an Original-Bildmaterial gehalten hat. Der Film begleitet nicht nur den Profi-Glücksspieler Sam Rothstein bei seiner Ankunft und dem folgenden Aufstieg in Las Vegas, sondern auch Nicki Santoro, der weniger mit Geschick als mit Aggressivität zu seinen Zielen kommen möchte. Beide kommen jedoch mit dem Segen der Mafia nach Las Vegas und versuchen jeweils für sich, das Glück zu finden. Daraus entspinnt sich ein Drama, bei dem natürlich auch eine Frau eine Schlüsselrolle spielen muss…

Diese Geschichte von Aufstieg und Fall des Sam Rothstein ist eng verknüpft mit dem Portrait einer Stadt, die durch ihrne liberalen Umgang mit dem Glücksspiel ein Magnet für das organisierte Verbrechen war. Die Bilder werden auch gerne mal von den beiden Protagonisten aus dem Off und aus der Retrospektive kommentiert, sodass man vor allem anfangs viel über den Ablauf der Geschäfte in Las Vegas erfährt und wie die Mafia dabei mitmischt. Das zieht sich schonmal über eine gewisse Länge, zwar ohne langweilig zu werden, aber auch ohne die Geschichte von Sam voran zu bringen. Er ist als Chef in einem großen Casino zwar mittendrin in dieser Zeitgeschichte, sein persönliches Schicksal, das sich mit dem der Prostituierten Ginger verknüpft, ist jedoch eine zweite Ebene des Films, die die erste nur an ein paar, wenn auch wichtigen, Punkten berührt. Beide Ebenen werden in spannender und sehr ausführlicher Weise behandelt, sodass die drei Stunden Spielzeit unterhaltsam ausgefüllt werden. Andauernde Spannung darf man jedoch nicht erwarten.

Die beiden Storyebenen werden von allen Protagonisten geteilt, und hier hat Scorsese es einmal mehr geschafft, komplexe Figuren zu schreiben (bzw. sich inspirieren zu lassen), die so nicht allzu oft in der Filmwelt vorkommen. Vor allem im Verhältnis zueinander entwickeln sich unglaublich tolle Momente, in denen die Darsteller alles aufbieten können. Robert De Niro nimmt man den nach Vertrauen suchenden Sam sofort ab. Dass er es damit nicht leicht haben wird, erkennt der Zuschauer daran, dass Sam schon in der ersten Szene einer Autobombe zum Opfer fällt. Ganz großartig sind auch Joe Pesci als leicht cholerischer Nicky Santoro sowie Sharon Stone, die als Ginger ein zwiespältiges Verhältnis sowohl zum Geld als auch zu Sam hat.
All diese Figuren machen es einem einerseits ziemlich schwer, Sympathien für sie zu entwickeln. Denn egal wen man sich anschaut, verachtenswerten Eigenschaften lassen sich immer wieder finden. Andererseits zeigen sie dann doch wieder Verhaltensweisen, die dafür sorgen, dass man ihnen ihren Schicksalsverlauf nicht wünscht. Sie tragen so aber zu den Gefühlen bei, die die Rahmenhandlung auch hervorruft: Die gruselige Faszination rund um das Thema Mafia und den Mythos Las Vegas. Alles etwas zwiegespalten.

Das schöne Gesamtbild wird durch die tolle Atmosphäre vervollständigt, die durch die Bilder und den Soundtrack geschaffen wird. Zu Las Vegas, zumal zu dem der 70er, gehören natürlich jede Menge Neonlichter und klimpernde einarmige Banditen. Aber auch die Filmausstattung lässt in Sachen Klamotten und Inneneinrichtung keine Wünsche offen. Die Szenen werden oft in längeren bis ziemlich langen Einstellungen festgehalten, wobei die Kamera dem Protagonisten auch gerne mal durch den gesamten Raum folgt. An wenigen Stellen spielt Scorsese mit schrägen Blickwinkeln, die meiner Meinung nach nicht hätten sein müssen, aber ebenso wenig stören.

Fazit

Ich mag von vornherein schon Filme, die ganze Lebensgeschichten oder zumindest große Teile davon erzählen. „Casino“ ist dabei keine Ausnahme und macht zudem vieles richtig, denn mit den komplexen Charakteren und der Inszenierung wird sehr gut kaschiert, dass die beiden Filmebenen nicht zwingend, aber immerhin auf der Metaebene Gemeinsamkeiten aufweisen. So bekommt man zu einem ausgeprägten Drama auch gleich noch ein wenig Geschichte einer von sich aus schon höchst interessanten und mit der Mafia eng verbundenen Stadt präsentiert. Die recht langsame und ausholende Erzählweise gewinnt durch die teils ausführlichen Retrospektivschilderungen aus dem Off dazu.
Von mir gibt es 9/10 Punkte.

Gesehen: BD / englisch
Eckdaten: 1995 / 178 Min / FSK 16
Genre: Drama / Verbrechen

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