Citizenfour | Dokumentation

Assume your adversary is capable of one trillion guesses per second.
– Edward Snowden

Bei mir sind gerade Überwachungswochen. Marc Elsbergs „Zero“ ist fertiggelesen und „Person of Interest“ unterhält mich aktuell am Abend. Beides ist allerdings Fiktion, wenn auch mit deutlichen Parallelen zur Realität. Vollkommen real war hingegen, was vor mehr als 18 Monaten in Hong Kong geschah. Dort war Edward Snowden der Protagonist, der mit seinen Enthüllungen Licht in den dunklen Geheimdienstsumpf brachte. Dank „Citizenfour“ kann man die damaligen Ereignisse quasi live nacherleben.

Edward Snowden Quelle: Citizenfour
Edward Snowden
Quelle: Citizenfour

Denn auch wenn der Film anfangs einen kurzen Einblick darüber gibt, was vornehmlich NSA und GCHQ da getrieben haben und aller Wahrscheinlichkeit nach noch treiben, so hält sich „Citizenfour“ mit Informationen zum eigentlichen Überwachungsthema sehr zurück. Man erfährt nichts detaillierter, als es die Informationen in diversen Medien schon vor eineinhalb Jahren gebracht haben. Aber schließlich heißt der Film auch nicht „Wie wir alle durchleuchtet werden“, sondern trägt als Titel den Decknamen Snowdens, den er nutze, als er Laura Poitras und Glenn Greenwald kontaktierte. Und so begleitet man Poitras auf dem Weg, der sie vom anonymen Kontakt per verschlüsselter Nachricht nach Hong Kong führt, wo sie Snowden schließlich für acht Tage in einem Hotelzimmer interviewt. Man ist dabei, wenn Snowden Greenwald eine Einweisung in die „gestohlenen“ Dokumente gibt, beobachtet ihn, wenn im Fernsehen die ersten Berichte veröffentlicht werden und bricht mit ihm auf, als die ersten Reporter und früher oder später auch die Amerikaner Wind von seinem Aufenthaltsort bekommen.

Diese intimen Momente in den acht Tagen in Hong Kong sind Schwerpunkt und die absolute Stärke des Films. Man lernt einen Snowden kennen, der besonnen erklärt, was er und warum er das getan hat und sieht ihm gleichzeitig die extreme Anspannung im weiteren Verlauf an, wenn klar wird, dass Hong Kong für ihn nicht länger sicher ist. Es gibt keine große Einleitung, wer dieser Mann ist, stattdessen ist es eher ein Lehrfilm darüber, wie Journalisten mit ihren Quellen umgehen, wer welche Sorgen dabei hat und was diese Quellen letztlich aufgebe, weil sie Informationen preisgeben, die aus Sicht bestimmter Institutionen geheim bleiben müssen.

"Could you please hand me my magic mantle of power?" Wenn ein Ex-Geheimdienstmitarbeiter aus Sorge vor optischer Überwachung Passwörter nur unter einer Decke eingibt, dann weiß man, dass irgendwas falsch läuft. Quelle: "Citizenfour"
„Could you please hand me my magic mantle of power?“ Wenn ein Ex-Geheimdienstmitarbeiter aus Sorge vor optischer Überwachung Passwörter nur unter einer Decke eingibt, dann weiß man, dass irgendwas falsch läuft.
Quelle: „Citizenfour“
Andererseits ist das aber auch das kleine Problem des Films, denn die Laufzeit von beinahe zwei Stunden hat man allein damit nicht vollbekommen. Die Erklärung Poitras‚, dass sie den Film in Berlin verstecken musste, damit er der amerikanischen Exekutive nicht in die Hände fällt, die Zerstörung der Festplatten beim „Guardian“ oder der Einblick in eine Konferenz von Anwälten, die Snowdens Fall vertreten, passt da noch gut ins Bild. Es werden aber auch andere Kriegsschauplätze gezeigt, etwa den Gründer von Lavabit, der seinen Dienst lieber schloss als dem Geheimdienst Zugang zu den Kundenkonten zu gewähren. Das hat zweifellos auch etwas mit Überwachung zu tun, franst den Film jedoch ein bisschen zu sehr aus. Auch sind einige Szenen zu ausladend geraten und generieren kleine Leerläufe. Ich hätte mir hier ein wenig mehr Fokus auf Snowden und die Arbeit der Journalisten gewünscht.

Völlig überzeugen konnte mich dafür wieder der sehr nüchtern gehaltene Stil von „Citizenfour„. Ich mag es nicht, wenn sich die Dokumentatoren zum Gegenstand ihres Films machen und dabei hart an der Grenze zur Schauspielerei schnell die Hauptrolle spielen, so wie es etwa Louis Theroux macht. Auch erzwungene Spannung durch schnelle Schnitte und dramatische Musik haben in Dokus für mich nichts verloren. Das Thema Snowden ist zum Glück spannend genug, sodass Poitras auf so einen Schmarrn (bis auf wenige Stellen, an denen Text eingeblendet wird) nicht zurückgreifen musste, sondern sachlich gefilmt hat und die Kamera manchmal einfach nur laufen ließ. Selbst auf Off-Stimme wurde so gut wie immer verzichtet.

Fazit

Citizenfour“ ist trotz – oder gerade wegen – ihres nüchternen Stils eine hochspannende Dokumentation, die das Thema Überwachung hoffentlich wieder aus der Nische holt und am Rande aufzeigt, worin das Problem der gläsernen Bürger besteht. Im Kern und in seinen stärksten Momenten beschäftigt sich der Film jedoch mit dem Whistleblower Edward Snowden und dem, was ihm seit der Kontaktaufnahme mit Laura Poitras und Glenn Greenwald widerfahren ist. Das stellenweise Verlieren des Fokus und einige zu ausladend geratenen Szenen schmälern einen tollen Film kaum.

  • der Fokus auf den Whistleblower Edward Snowden
  • die intimen Momente
  • das „Live-Dabeisein“ in Hong Kong
  • dass Snowden trotz seiner Leistung nicht als Überheld inszeniert wird
  • die unaufgeregte Inszenierung
  • das Imhintergrundhalten Poitras‘
  • einige (aber wenige) Längen
  • dass nicht immer der Fokus gehalten wurde

Gesehen: englisch
Genre: Dokumentation
Eckdaten: 2014 / 114 Min / FSK 0
Land: USA / Deutschland
Produzentin: Laura Poitras

HINWEIS: Laut t3n ist der Film legal und kostenlos downloadbar. Sie verlinken auf Cryptome.com und weisen zudem darauf hin, dass sich die EFF über eine Spende freuen würde. Die DVD ist ab 8. Mai bei Amazon verfügbar.

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