Das finstere Tal | Film

Es gibt Dinge, über die spricht man nicht. Dinge, die früher passiert sind.
– Luzi

Jedermann rennt momentan ins Kino, um acht mehr oder weniger liebenswürdigen Gestalten dabei zuzuschauen, wie sie, eingeschneit in einer Hütte in Wyoming, sich wilde Wortgefechte liefern und wo es stets nach verbleiter Luft riecht. Ich mache das nicht mit! I bleib‘ dahoam, in der alten Welt und reise lieber in die Alpen. Da geht es noch heimelig und friedlich zu, die Menschen sind fromm und die Bergwiesen blühen.
Wobei, ich bin da in so ein Tal gestolpert, da sah es ziemlich finster aus…

Dass Deutschland Filme kann, wurde gefühlt in letzter Zeit zuhauf bewiesen. Der letzte große Western ist allerdings schon eine Weile her. Als Fan von „Winnetou“ und „Old Shatterhand“ gucke ich mir diese Schinken zwar immer wieder gerne an, aber frisches Blut (haha) kann nicht schaden. 2014 kam mit „Das finstere Tal“ eine österreichisch-deutsche Produktion in die Kinos, die das versprach. Und nachdem ich mir dieses Machwerk jetzt auf der heimischen Couch zu Gemüte führte, ärgere ich mich, dass ich mir damals das Kinoticket sparte, denn gerade bildlich kann die Buchverfilmung absolut überzeugen. Das merkt man bereits in der Eröffnungssequenz, wo zu einer arschcoolen Version von „Sinner Man“ der Protagonist Greider ins Tal einreitet. Das liegt irgendwann im 19. Jahrhundert irgendwo zwischen Bayern, Österreich und der Schweiz, weshalb die Szenerie aus Bergen und Wäldern besteht. Schon hier wird die Atmosphäre durch stark entsättigte Farben festgelegt, und diese Düsternis zieht sich sowohl in der Inszenierung wie auch der Geschichte und den Protagonisten durch den Film.

Woran „Das finstere Tal“ krankt, das ist ein wirkliches Spannungselement. Man kommt schnell auf den Trichter, was im Groben Sache ist und braucht dazu nichtmal den Trailer, der das wieder überdeutlich klar macht. So entwickelt sich ein stringenten Rachefilm mit deutlichem Fokus, der dadurch sowie durch Kostümisierung, Waffeneinsatz und Pferderitte einen starken Westerneinschlag enthält. Mir hat diese Geradlinigkeit gut gefallen, weil es so nicht ausufernd komplex wird. Zudem sorgt eine Erzählerstimme sowohl für die benötigte Hintergrundgeschichte als auch dafür, dass auch der unaufmerksamste Zuschauer am Schluss weiß, was abgeht. Wobei dennoch über die größte Laufzeit hinweg Detailfragen bleiben, die einen am Ball halten und nach und nach das Gesamtbild formen. So sorgt weniger Sam Rileys Hauptrolle für die Spannung als vielmehr die Entwicklung um die von Paula Beer fantastisch gespielte Luzi, bei deren Verhalten es bei mir erst später den Aha-Effekt gab.

Da zudem die Handlung zwar dauerhaft vorangetrieben wird, das jedoch nicht mit großen Tempowechseln, sondern in einem ruhigeren Fluss geschieht, kann man sich ganz auf die großen Stärken von „Das finstere Tal“ konzentrieren, die in der Inszenierung liegen. Denn das Aufdecken von Greiders Motiven, die Frage nach seinem Status als Held oder Antiheld, die Rolle einzelner Dorfbewohner und die Erforschung des Geheimnis hinter dem Brennerbauer, das wird in teilweise fantastischen Bildern umgesetzt. Zu der Immerdunkelheit und der Farbentsättigung kommt Regen und die Rauheit der damaligen Dorfbevölkerung hinzu, was eine düstere Atmosphäre schafft, bei der Heidi wohl liebendgern freiwillig in Frankfurt geblieben wäre, hätte der Großvater hier gelebt. Der Score aus Trommeln und dunklen Bläsern verstärkt den Eindruck von lebensfeindlichen Umgebung und den fremdenfeindlichen Dorfbewohnern noch.
Optisch setzt sich die gelungene Inszenierung fort. Fackelreiter in der Nacht, Nebelschwaden im Wald und die schneebedeckte Umgebung sind in wunderbaren Bildern festgehalten, die oft schon ins Grafische abrutschen, so hart ist der Schwarz-Weiß-Kontrast zuweil. Das ist kein Showeffekt, sondern unterstützt immer sowohl die Handlung als auch die Atmosphäre und gipfelt in einem durchstilisierten Finale, welches so grandios wie blutig ist. Blutig, ja. Schon deshalb halte ich es für einen absoluten Witz, dass der Film ab 12 Jahren freigegeben ist, denn Kugeleinschläge sind nicht allein durch die fantastische Tonmischung (auf der Blu-ray) imposant; das Töten wird auch grafisch deutlich dargestellt.

Fazit

Mixt man „96 Hours“ mit „Heidi“ und wickelt das Ganze in „Sin City“ ein, dann bekommt man etwas Ähnliches wie „Das finstere Tal“ , nämlich einen so geradlinigen wie düsteren Western Noir, der sich bei der Spannung im Hintergrund hält, dafür aber mit einer sehr dichten Atmosphäre und seiner Optik absolut punkten kann. Er zeigt auch, dass eine einfach gestrickte Geschichte nicht automatisch schlecht sein muss, wenngleich ich mir hier ein wenig mehr gewünscht hätte und eine wenigstens stellenweise schnellere Erzählweise auch nicht geschadet hätte. Das Vorhandene sorgt aber dennoch dafür, dass ich „Das finstere Tal“ sicher mal wieder anschauen werde.

gesehen: Blu-ray / deutsch

Wiederschaupotential: stark vorhanden

Lieblingscharakter: Greider.
Lieblingsszene: Der zweite Brenner-Sohn geht einem Geräusch nach.

Eckdaten

Genre: Western / Drama / (Thriller)
Herkunftsland: Österreich / Deutschland
Eckdaten: 2014 / 115 Min / FSK 12
Regie: Andreas Prochaska
Drehbuch: Andreas Prochaska / Martin Ambrosch / Thomas Willmann (Buchvorlage)

3 Kommentare

  1. Schöne Review mit besonders schöner Einleitung. Zum Thema Western aus Deutschland: Kennst du GOLD? Ich hab beide nicht gesehen, aber – immerhin – auf der Watchlist!

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