Der Krieg des Charlie Wilson (Charlie Wilson’s War) | Film

„We’ll see“ – Gust Avrakotos

Politfilme haben oftmals das Manko, dass sie nicht besonders spannend sind. Denn viele von ihnen geben tatsächliche Ereignisse wieder, und so ist der Ausgang zumeist schon bekannt. Umso mehr hängt die Qualität dann von gelungener Inszenierung und einem Drehbuch ab, dass die Geschehnisse unterhaltsam transportiert. Und auch den Schauspielern wird einiges abverlangt, stehen in diesem Genre doch viele und lange Dialoge im Mittelpunkt. Zum Glück kann man „Der Krieg des Charlie Wilson“ attestieren, dass er viele Punkte davon sauber umgesetzt hat.

Gust Avrakotos ist schlauer, als er aussieht. Und Philip Seymour Hoffman der heimliche Star des Films | Charlie Wilson's War / Universal
Gust Avrakotos ist schlauer, als er aussieht. Und Philip Seymour Hoffman der heimliche Star des Films | Charlie Wilson’s War / Universal

Der Film behandelt den ersten Afghanistankrieg, in dem 1980 ausnahmsweise mal nicht die Amerikaner ein fremdes Land invasionieren. Stattdessen hat die Sowjetunion den Brocken Erde besetzt und geht mit geballter technischer Macht gegen Widerstandskämpfer und Zivilbevölkerung vor. Insbesondere den Lufteinheiten und dort wiederum den Helikoptern können die Mudschaheddin nichts entgegensetzen. Da man sich mitten im Kalten Krieg befindet, haben jedoch auch die USA einerseits wenig Interesse an der Ausbreitung der SU und damit des Kommunismus‘, andererseits will man die Russen mit einem aktiven Eingreifen in den Konflikt nicht provozieren. So gilt es, einen geheimen Weg zu finden, um Waffen nach Afghanistan zu liefern. Und dieser Weg führt über Congressman Charlie Wilson…

Kennt man sich einigermaßen mit der Zeitgeschichte aus dieser Epoche und insbesondere der Entwicklung Afghanistans aus, erzählt einem „Der Krieg des Charlie Wilson“ nichts Neues, wenn er den Verlauf der kapitalen Niederlage der Sowjetunion dort nachzeichnet. Vielmehr konzentriert er sich auf den Hintergrund und skizziert, wie es den USA überhaupt gelang, Waffen „unbemerkt“ zu liefern. Ganz ähnlich wie in „Argo“ wird so der Fokus auf einen kleinen und nicht in der Öffentlichkeit stehenden Personenkreis gelegt, dessen Verhalten im Gegensatz zu der Rettung im Werk von Ben Affleck aber weitaus größere Auswirkungen hatte, die bis ins Jetzt hineinreichen.
Welche Schachzüge in politischer Hinsicht genau zu der Hochrüstung der Mudschaheddin vonnöten waren, zeigt der Film relativ sachlich und schon fast dokumentativ. Das ist für Geschichtsinteressierte sicher interessant (wenn nicht schon bekannt), besonders spannend allerdings nicht.

Zum Glück hat der Film jedoch mit seinen Charakteren und Schauspielern Asse in der Hand, die für die Unterhaltung sorgen. Angefangen bei Congressman Charlie Wilson, einem moralisch zuweilen nicht ganz sicher auftretenden Lebemann und Kenner der politischen Abläufe Washingtons, der von Tom Hanks ganz wunderbar dargestellt wird. Er wird nach und nach in den Konflikt hineingezogen, was nicht spurlos an ihm vorüber geht. Dafür ist auch seine gute Freundin Joanne Herring (Julia Roberts) verantwortlich, die bei der Entscheidung, den Afghanen zu helfen, an vorderster Front kämpft.
Vollends überzeugen kann wiedermal Philip Seymour Hoffman, bei dessen Darstellung man einmal mehr daran erinnert wird, dass man ihn noch gerne in vielen tollen Rollen hätte sehen wollen. Er hat als CIA-Agent Gust Avrakotos nicht nur ein gewaltiges Wissen über Militärtechnik und politische Zusammenhänge im Nahen Osten, sondern sowohl etwas gegen die Sesselpupser in Langley als auch ein sehr direkte Art, Dinge anzusprechen. Er ist für mich das absolute Highlight in dem Streifen und verleiht ihm zusammen mit Hanks einerseits die angemessene Prise Humor.

Andererseits ist seine Rolle das Einfallstor für die moralische Komponente des Films. Denn worauf letztlich die Aufrüstung der Widerstandskämpfer hinausgelaufen ist, weiß jeder, der am 11. September 2001 den Fernseher eingeschaltet hat. Das spielt so konkret im Film zwar keine Rolle, schwebt aber in einer Mini-Rahmenhandlung stark mit und zeigt zugleich den Einfluss, den Wilsons Entscheidungen auf das Schicksal der gesamten Welt nach dem Millennium hat. Ausdrücklich wird jedoch dargestellt, dass Charlie Wilson und Mitstreiter letztendlich nur allzu menschliche Gründe hatten, um ihre Vorgehensweise zu legitimieren. Und ebenso, dass es den Entscheidungsträgern in der Politik an eben diesen Gründen fehlt und dort die Rationalität und der Gedanke an den eigenen Erfolg vorherrscht. So weist der Film selbst – nicht besonders subtil – auf die Tragik dieser Entscheidungen hin, ohne dass dies dem Zuschauer mit seinem ex-ante-Geschichtswissen allein überlassen wird. Die Macher wollten hier wohl sichergehen, dass es jeder versteht.

FAZIT

„Der Krieg des Charlie Wilson“ ist ein überdurchschnittlich unterhaltsamer Genrevertreter und nicht allein für Geschichtsnerds sehenswert. Die politischen Entwicklungen stehen im Gegenteil sogar fast ein bisschen hinter den grandios verkörperten Charakteren zurück und sind sowohl für deren Verhalten als auch für die Filmbotschaft zweckmäßig. Man bekommt letztlich paradoxerweise einen Anti-Kriegs-Film, der das militärische Eingreifen augenscheinlich als etwas Gutes darstellt.
Von mir gibt es 8/10 Punkte.

Gesehen: DVD / englisch
Genre: Drama / Historie / Anti-Krieg / (Komödie)
Eckdaten: 2007 / 98 Min / FSK 12
Regie: Mike Nichols
Thematisch ähnliche Filme: „Argo“ / „Thirteen Days“

Andere Meinungen: Der Kinogänger (7/10)

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