Der Seltsame Fall des Benjamin Button (The Curious Case of Benjamin Button) | Film

Seltsam, wie manchmal die Menschen, an die wir uns am wenigsten erinnern, uns am meisten geprägt haben.
– Benjamin Button

Ein längere Film erfordert eine längere Rezension. Besonders dann, wenn er so viele Highlights wie „Der Seltsame Fall des Benjamin Button“ hat. Aber vor allem dann, wenn er gleichzeitig so ein großes Manko hat.

Eine der ersten Begegnungen zwischen Benjamin und der gleichaltrigen Daisy. |Quelle: "Der Seltsame Fall des Benjamin Button" Trailer
Eine der ersten Begegnungen zwischen Benjamin und der gleichaltrigen Daisy. |Quelle: „Der Seltsame Fall des Benjamin Button“ Trailer

Die unstrittigen Punkte zuerst: Tolle Darsteller, die dem Ganzen Leben einhauchen. Insbesondere Kate Blanchett hat mir sehr gut gefallen und auch Brad Pitt schafft es, hintre der dicken Maske eine ordentliche Performance abzuliefern. Die Charaktere sind gut gezeichnet und es wird dankenswerterweise auf einen bösen Counterpart in irgendeiner Form verzichtet. Tolle Spezialeffekte, die unaufdringlich und selbstzwecklos eingebaut wurden. Ganz wunderbare Maskenarbeit, die aufgrund der Geschichte natürlich nötig war. Schöne Bilder und Bildeffekte, die von blaugrau-düster zu gelblich-warm reichen. Und ein schöner, unaufdringlicher Score, der nicht andauernd dudelt, sondern immer zur rechten Zeit einsetzt. In diesen Disziplinen gibt sich das Fincher-Machwerk keine Blöße.

Aber jetzt zur Geschichte. Bei der Rahmenhandlung – eine Tochter liest ihrer im Sterben liegenden Mutter die Geschichte Benjamins vor – dachte ich zunächst, dass sie vollkommen ueberflüssig sei und das Aufkommen des Hurricane Kathrina machte für mich zuerst gar keinen Sinn. Im Nachhinein gesehen muss ich sagen, dass diese Handlung eng und sinnvoll mit der Haupthandlung verbunden ist.

Die Story selbst ist keine außergewöhnliche, es ist vielmehr eine Biografie eines fast normalen Lebens. Die einzige Besonderheit besteht in der „Behinderung“ des Hauptcharakters. Dafür aber, dass diese Besonderheit den Charakter herausstehen lässt (und dem Film immerhin seinen Titel gibt), wird sie von seinen Mitmenschen kaum wahrgenommen oder gar für befremdlich befunden. Fast alle Personen, mit denen Benjamin zu tun hat und die von seiner Krankheit erfahren, nehmen davon nur kurz Notiz, tun es dann aber als völlig normal ab. Am ehesten ist das noch bei den Charakteren verzeihbar, die Benjamin nur in einem kurzen Lebensabschnitt kennenlernen und nichts über sein tatsächliches Alter wissen. Auch die Reaktion der jungen Daisy kann man auf die Unbekümmertheit zurueckführen, mit der Kinder ihre Welt und Mitmenschen sehen. Bei den restlichen Charakteren macht es aber für die Handlung schlicht keinen Unterschied, mit wem sie es da zu tun haben. Genausogut hätte der Hauptcharakter blind sein, mit drei Daumen oder mit nur einem Bein auf die Welt kommen können. Kurzum, dieser Punkt ist austauschbar. Ich hätte mir gewuenscht, dass dieses Thema stärker einbezogen wird. Auf der anderen Seite könnte man das natürlich als unterstreichendes Beispiel der Quintessenz des Films rechtfertigen: Jeder Mensch hat seine Eigenarten und herausstehenden Merkmale, mit denen man leben muss und gut kann, da es letztendlich nicht auf die Unterschiede ankommen darf.

Der nächste Kritikpunkt ist der erzählte Lebensweg. Auch dieser ist an Banalität kaum zu überbieten. Er erlebt viel, was für sich genommen ein paar in schönen Bildern erzählte Geschichtchen generiert. Doch die Personen, denenBenjamin auf seiner Reise begegnet, haben kaum bis keinen Einfluss auf ihn oder seine Taten, sie sind vielmehr ebenfalls austauschbar. Der Hauptcharakter hat seinerseits aber ebenfalls wenig Einfluss auf seine Mitmenschen. Für viele bleibt er eine (teils flüchtige) Bekanntschaft.

Vor allem hier passt ein Vergleich so ganz und gar nicht, der in vielen Bewertungen immer wieder auftaucht: Der mit „Forrest Gump„. Wo bei letzterem der Hauptcharakter zum Auslöser oder wenigstens Teilnehmer jedes amerikanisch-nationalen Ereignisses seit den 1940ern wird, sich so in die Geschichtsbücher einträgt und mit vielen Bekanntschaften (und nicht allein mit seiner Liebe Jenny) eine intensive Beziehung aufbaut, lebt Benjamin vor sich hin, ohne dass seine Handlungen in irgendeiner Weise größerers Gewicht hätten. Die Bekanntschaften sind allesamt oberflächlich, bei keiner Lebensstation geht es wirklich in die Tiefe. Auch hier kann man entgegenwenden, dass es sich um die Biografie des „08/15-Mannes“ handelt und der Großteil der Menschheit nunmal eine sehr ähnliche, unspektakuläre Biografie aufweisen wird, die nur für die Person reich an persönlichen interessanten Höhepunkten ist. Die Frage ist aber, warum man das „Normale“ in einem Film zeigen muss. Ich kann mir bei David Fincher nicht vorstellen, dass er die recht plumpe und keineswegs neue Erkenntnis, dass jeder Mensch einzigartig ist, als einziges Ergebnis eines beinahe drei Stunden dauernden Films haben wollte. Aber genau so kommt es mir vor. Im Grunde ist die Handlung ein aus schönen Episoden zusammengezimmertes Big Brother, bei welchem man zwischen den ganzen krampfhaft auf Pseudoindividualität gecasteten Personen das Außergewöhnliche und die Dramaturgie mit dem Mikroskop suchen muss.

Das Paradoxe ist, dass mich der Film trotzdem nicht gelangweilt hat, und das liegt in erster Linie dann doch an der Krankheit von Benjamin. Man will einfach wissen, wie der Ausgang dieser Biografie gelöst wurde. Entscheidend ist dabei der tragische Verlauf der Beziehung zu Daisy, da eine Zusammensein zwischen den beiden augenscheinlich von Anfang an zum Scheitern verurteilt zu sein scheint.

Fazit

Ich bin ein großer Fan von epischen biografischen Filmen, solange sie zu der Biografie des Hauptdarstellers ein Plus von irgendwas geben können. „Forrest Gump“ ist in dieser Beziehung mein absoluter all time favourit, für mich einer der besten Filme überhaupt. „Big Fish“ hat mich gefesselt und auch „Walk the Line“ konnte mich gut unterhalten. Diese Filme haben aber alle gemein, dass ihr Hauptcharakter etwas Besonderes ist, tut oder kann und dies auch so von der Umwelt aufgefasst wird. „Der Seltsame Fall des Benjamin Button“ sagt genau das Gegenteil aus: Du bist einzigartig, auch wenn es die Umwelt nicht erkennt. Das kann man jetzt als Geniestreich sehen oder als gut gemeinte, aber banale Westentaschenpsychologie. Ich tendiere zu letzterem, ohne dass ich den Film als schlecht bezeichnen wuerde. Dafür stimmt die Inszenierung und die triviale Handlung kann durch die Liebesgeschichte noch einigermaßen unterhalten.

Von mir gibt es 6/10 Blitzeinschlägen.

Gesehen: DVD / deutsch
Genre: Lebensgeschichte / Drama
Eckdaten: 2008 / 166 Min / FSK 12
Regie: David Fincher

ähnliche Filme: „Forrest Gump“ / „Big Fish“

andere Meinungen: Tonight is gonna be a Large one. (9/10) / Nerdtalk (7/10) / Medienjournal (9,5/10) / Xanders Blog (5/10)

3 Kommentare

    1. An den verlinkten Rezensionen sieht man ja, dass der Film ziemlich kontrovers aufgenommen wurde.
      Ich habe auch gerade gesehen, dass das zugrunde liegende Büchlein gerade mal 80 Seiten lang ist. Vielleicht finde ich das besser.

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