Die Karte meiner Träume (The Young and Prodigious T.S. Spivet) | Film

Jean-Pierre Jeunet hat mit „Die fabelhafte Welt der Amélie“ und „Mathilde“ schon zwei Filme geschaffen, in denen sich der Hauptcharakter seine Welt bunter gemacht hat, als sie eigentlich ist. In beiden Streifen ist Audrey Tautou jeweils als Protagonistin tagträumend durch’s Leben gehopst und hat sich Situationen lieber ausgemalt, als sie tatsächlich zu erleben.

T.S. macht sich Gedanken zu einem Fluggerät, während selbiges für den Zuschauer schon herumfliegt. | Quelle: "Die Karte meiner Träume"-Trailer
T.S. macht sich Gedanken zu einem Fluggerät, während selbiges für den Zuschauer schon herumfliegt. | Quelle: „Die Karte meiner Träume“-Trailer

In „Die Karte meiner Träume“ ist Tatou nicht mit von der Partie. Dafür hat Kyle Caltett den Part des Protagonisten übernommen und oftmals sind die Ähnlichkeiten zu Amélie und Mathilde extrem auffällig. T.S. lebt mit seiner Familie im hintersten Montana auf einer Ranch und ist ein kluger Kopf, dessen Gedanken sich vor allem um die Physik drehen. Als er vom Smithonian Institute einen Anruf erhält und ihm mitgeteilt wird, dass seine Version eines Perpetuum Mobiles einen renomierten Wissenschaftspreis gewonnen hat, weiß er nicht so recht, wie er das seiner etwas durchgeknallten Familie beibringen soll. Deshalb macht er sich spontan allein auf die Reise quer durch Amerika, um den Preis in Empfang zu nehmen…

Jean-Pierre Jeunet baut um diese Geschichte herum eine optisch wunderbare Welt auf, die in Sachen Grafik und Ideen sämtliche Register zieht. Angefangen von der Bahnreise durch wunderschöne amerikanische Landschaften über den spielerischen (und leider manchmal allzu offensichtlich darauf ausgelegten) Einsatz der 3D-Technik bis hin zu surrealen Szenen, die die Gedanken- und Gefühlswelt des Protagonisten darstellen. Es macht Spaß, Jeunet dabei zuzusehen, wie er seinem eigenen Stil treu bleibt und trotzdem im Vergleich zu den oben genannten Filmen auch optisch etwas Neues schafft.

Neues bietet der Charakter des T.S. Spivet jedoch nur bedingt. Denn auch er ist wie seine Vorgängerinnen ein Einzelgänger, der vor allem mit seiner Kindlichkeit aus seinem Verwandtenkreis heraussticht und damit den positiven Gegenpol darstellt. Denn T.S.‘ Familie ist nicht nur höchst skurril, sie steckt auch in ihrem eigenen, für jeden von ihnen auf eigene Weise trostlosen und langweiligen Leben fest. T.S. scheint der einzige zu sein, der mit seiner Kreativität und Weltsicht daraus ausbrechen kann, von den anderen aber immer wieder zurückgezogen wird.
Sein Kampf mit diesem Problem ist dann auch das Hauptthema des Films, das diesen zwar nicht einmalig stellt, aber trotzdem grundsolide unterhalten kann. Zu dem Themenkomplex und der Umsetzung gehört zwar auch eine gewisse Portion Kitsch und Berechenbarkeit, zum Ende hin wird der Film jedoch für mich allzu schablonenhaft. Immerhin ist dort ein ordentlicher Seitenhieb auf die moderne Medienlandschaft eingebaut, der super trifft.

Dazu kommt, dass Kyle Caltett seine Sache zwar grundsätzlich gut macht und in vielen Szenen überzeugend, in wenigen aber doch allzu mittelmäßig spielt. Gerade wenn er seine inneren Konflikte in der Mimik ausdrücken soll, gerät selbige in Laienschauspielersphären.
Die anderen Schauspieler machen ihre Sache dafür gut, auch wenn Helena Bonham Carter ihre Exzentrik diesmal zurückfährt und in diesem Bezug von ihrer Kollegin Judy Davis als schrille, erfolgsbesessene Kuratorin weit überflügelt wird.

FAZIT
„Die Karte meiner Träume“ ist das, was ich inzwischen von einem Jeunet-Film erwarte: kindlich-naiv und ein bisschen kitschig, mit toller optischer Umsetzung und einem Thema, welches zwar durchaus ernst ist, den Weg für einen Wohlfühl-Film aber nicht verschließt. Ein bisschen weniger offensichtliches 3D hätte gutgetan, auch wenn der Rest des Films super aussieht. Jeunet liegt sowohl was die Inszenierung als auch die Charaktere betrifft ganz auf einer Wellenlänge mit Tim Burton („Big Fish“) und zum Teil auch noch mit Wes Anderson: Er hat auch hier eine wunderbare Filmwelt erschaffen, die trotz des Realismus‘ einem Märchen manchmal näher ist als der richtigen Welt.

Von mir gibt es deshalb 7/10 Punkte.

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