Die Tiefseetaucher (The Life Aquatic with Steve Zissou) | Film

Ich habe vor ein paar Tagen innerhalb kürzester Zeit zum zweiten Mal „Moonrise Kingdom“ gesehen und fand ihn nochmals eine ganze Ecke toller als bei der Erstsichtung. Sollte mir das bei allen Filmen von Wes Anderson widerfahren, dann kann ich mich auf eine großartige Zeit freuen, denn auch „Die Tiefseetaucher“ hat mir schon beim ersten Mal sehr gut gefallen.

Familienzusammenführung: Steve (Mitte) macht Ned mit seiner Frau bekannt. | Quelle: Die Tiefseetaucher DVD / Touchstone
Familienzusammenführung: Steve (Mitte) macht Ned mit seiner Frau bekannt. | Quelle: Die Tiefseetaucher DVD / Touchstone

Dabei ist selbiger nochmals eine ganze Ecke schrulliger, abgedrehter und verrückter als „Moonrise Kingdom“. Es gibt keine Schublade, in die man die Geschichte packen kann, eine Geschichte, in der gleichzeitig ein dreibeiniger Hund, ein Vater-Sohn-Drama, Piraten, ein eifersüchtiger Deutscher namens Klaus, ein ungeborenes Baby und ein Killerhai vorkommen. Letzteren will Steve Zissou (Bill Murray) zur Strecke bringen, weil der beste Freund des alternden Naturfilmers von der Bestie gemampft wurde. Die Jagd will Steve in einem neuen aufregenden Dokumentarfilm festhalten und heuert eine bunte Truppe an, die mit ihm auf seinem Forschungsschiff „Belafonte“ aufs Meer hinausfahren. Darunter ist auch ein junger Mann namens Ned (Owen Wilson), der sich als Steves Sohn vorstellt…

Die Geschichte um den von Midlifecrisis, finanziellen Sorgen und Frauenproblemen angegriffenen Steve, Pilot Ned, den Exmann von Steves Frau (Jeff Goldblum) und eine Reporterin (Cate Blanchett) ist an sich schon derart abgefahren, dass man sich wie in einem Abenteuermärchen vorkommt. Hinzu kommt ein ganz eigenartiger Humor, der bei jedem Menschen entweder nur von Anfang an wirken kann oder ihn total kalt lässt. Für mich hat er, nachdem ich die ersten Filmminuten für eine Akklimatisierung gebraucht habe, funktioniert und ich habe bei den Dialogen gelacht, jeden einzelnen der verrückten Charaktere bejubelt und mich über jeden kleinen, manchmal fein im Hintergrund einer Szene versteckten Witz gefreut. Ich vermute allerdings, dass ich so einige noch nicht entdeckt habe.

Vielleicht habe ich zufällig die beiden ähnlichen Streifen zuerst geschaut, aber das System „Wes Anderson“ findet man auch in „Die Tiefseetaucher“ wieder. Der gute Mann scheint irgendeinen Konflikt mit der Familie zu haben, den er auch in diesem Film verarbeiten möchte. Viel auffälliger als die Ähnlichkeit einzelner Storyelemente und Charakterzeichnugen ist jedoch Andersons handwerkliche Handschrift. In der Ausstattung, den Kostümem und selbst einzelner Kulissen findet man diverse Parallelen zu „Moonrise Kingdom“. Rote Zipfelmützen gibt es ebenso wie die oft in der Szene selbst spielende Musik (irgendwas zwischen Synthipop, Gitarre und spanischem Chanson). Seine Art der Bildkomposition, wie er Kamerafahrten, -einstellung, -schwenks und -zooms benutzt und der Einsatz scheinbarer Kontinuitätsfehler beim Schnitt, durch den die Übergänge merkwürdig abgehackt aussehen, sind extrem markant, funktionieren aber auch hier wieder und erzeugen bei mir (noch längst) keine Ermüdung. Vor allem bei Kamerafahrten durch den Querschnitt von Häusern und der „Belafonte“ hat man den typischen Diorama-Look, der auch hier wieder unglaublich viel Spaß macht. Auch der Einsatz von vorsintflutlich anmutender Animations- bzw. Stop-Motion-Technik bei der maritimen Tierwelt ist so ein Aspekt, der dank der märchenhaften Inszenierung einwandfrei funktioniert, aber sicher nicht jedermanns Geschmack ist.

„Die Tiefseetaucher“ ist unkonventioneller als „Moonrise Kingdom“ (eher: letzterer ist etwas weniger unkonventionell) und findet deswegen garantiert nicht nur Freunde. Meinetwegen kann Wes Anderson aber ruhig noch vielen Filmen seinen Stil verpassen, ich glaube nicht, dass mich das System bald langweilen wird. „Die Tiefseetaucher“ hat mich jedenfalls mit seinen vielen genialen Ideen nach dem ersten „Schockmoment“ gefesselt und großartig unterhalten.
Von mir gibt es deshalb 9/10 Punkte.

Gesehen: DVD / englisch

Eckdaten: 2004 / 119 Min / FSK 12
Genre: Comedy / Drama / (Abenteuer)
Regie: Wes Anderson

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