Ersteindruck: Weissensee Staffel 1 | Serie

Wir lassen uns keine Angst machen.

– Martin Kupfer

Licht und Schatten in Dunkeldeutschland. Während man heutzutage entweder diejenigen antrifft, die dem sozialistischen Gruppengefühl nachtrauern, oder denjenigen fassungslos lauscht, die von unmenschlichen Verhörmethoden, Abhör- und Verhaftungsorgien erzählen, kann man sich denken, dass diese Stoffe wie geschaffen sind für eine spannende Erzählung. Die ARD versucht genau solch eine Umsetzung mit „Weissensee“ nun schon seit 2010, und nach der ersten Staffel kann ich sagen, dass das für mich grundsätzlich schonmal aufgegangen ist.

Die Ausgangssituation ist spannend: Ostdeutschland 1980. Hier die parteitreue Familie Kupfer, von der alle Männer inklusive Sohn Martin im Staatsdienst tätig sind. Dort Dunja Hausmann, die parteikritische Sängerin und Mutter von Julia, der sie ihre Abneigung gegen SED und Stasi in die Wiege gelegt hat. Dummerweise verlieben sich Martin und Julia und die Kacke ist in beiden Familien am Dampfen.
Was inhaltlich nach dem typischen deutschen Historiendrama klingt, stellt sich alsbald als vielversprechendes Systemstudie dar, in der die Liebesgeschichte Dreh- und Angelpunkt ist. In dieser DDR-Welt, in der man keine Geheimnisse zu haben hat und in der man aus Rücksicht auf seine Karrierechancen auch sein persönliches Umfeld sauber halten muss, gibt es viele Steine, über die die Charaktere stolpern können. Zum Glück weicht „Weissensee“ oft genug von der generischen Schiene ab, um dabei abwechslungsreich und unterhaltsam zu sein. Schon die Martin-Julia-Beziehung stellt sich als nicht so kitschig dar, wie man (insbesondere nach der Trailersichtung) vermuten mag. Die Charaktere sind anfangs zwar Abziehbildchen. Permanenter familiärer und unbarmherziger staatlicher Druck sorgt aber dafür, dass tieferliegende Motivationen zum Vorschein kommen und die Figuren so zwar minimal klischeehaft, aber insgesamt ziemlich glaubhaft agieren und sich weiterentwickeln. Da macht es dann Spaß zuzusehen, wie der nächste Problemherd aufploppt und so das ganze Charaktergefüge durcheinandergewirbelt wird.

Leider wird „Weissensee“ seine Konzeption als Miniserie zum Verhängnis. Normalerweise bin ich ein Freund von schnell geschriebener Handlung, aber durch die Laufzeit von gerade sechs Folgen in der ersten Staffel vergeht kaum Zeit, in denen die Handlung mal zur Ruhe kommt oder das Beziehungsgeflecht der Charaktere stagniert. Da ist Martin in einer Folge nicht selten zwei- bis dreimal gut mit seinen Eltern, nur um zwischendrin den nächsten Streit vom Zaun zu brechen, während mittendrin das nächste Familienmitglied quer schießt. Auf mich wirkte dieses stetige Hin und Her zu oft zu gequetscht und gewollt, als ob die Macher Panik hätten, ihre Geschichte nicht mehr fertig erzählen zu können. Zwei oder drei Folgen mehr hätten hier gut getan.

Auch in Sachen Umsetzung gibt es Nachholbedarf. Da oszilliert „Weissensee“ zwischen grandiosen Dramaszenen und Darbietung auf „GZSZ„-Nievau. Während mir vor allem die Szenen, in denen die Stasiarbeit gezeigt wird, einen Schauer über den Rücken laufen ließen, musste ich bei den auf soap opera-Niveau herumdümpelnden Liebesbekundungen zwischen den einzelnen Personen nur allzu oft die Augen verdrehen. Nicht einmal die Zoom-auf-entsetztes-Gesicht-Kameraeinstellung als cliffhanger bleibt einem erspart!

Allerdings verspricht gerade die letzte Folge, die Handlung in der zweiten Staffel wieder mehr in Richtung politischer Geschichtsstunde zu drehen. Von daher bin ich mal vorsichtig positiv gestimmt und freue mich darauf, auch die folgenden Staffel einer Serie zu sehen, die besser ist, als man anfangs vermuten mag.

Ich fand gut
  • die (mutmaßlich) realistische Darstellung der Stasiarbeit
  • die insgesamt plausible und spannende Charakterzeichnung
  • die nicht übermäßig kitschige Liebesgeschichte
  • der anschaulich dargestellte Druck auf Freund und Feind der SED
  • die wenigen kleinen humorvollen Szenen
  • die abwechslungsreichen Charakterbeziehungen und deren Probleme
  • die teils tollen Dialoge
Ich befürchte, …
  • dass sich die soap opera-Elemente zu sehr in den Vordergrund drängen
  • dass ich weiterhin optisch hin und wieder an eine daily soap erinnert werde
  • dass Figuren zu klischeehaft weitergeschrieben werden

Weiterguckpotenzial: Vorhanden.

Eckdaten zu Staffel 1

Genre: Drama / Historie / Familie
Show Runner: Annette Hess
Produktion: 2010
Produziert für: Das Erste
Folgen: 6 à ca. 48 Minuten

5 Kommentare

  1. In kurzer Zeit nun schon die zweite positive Stimme über diese Serie, die ich in meiner, trotz Offenheit für deutsche Werke immer wieder aufkeimenden Ignoranz bis jetzt völlig ignoriert habe.. Wenn ich meine aktuellen Serien durch hab, werde ich wohl S1 auch mal gucken!

    1. Ich war auch erst skeptisch, zumal ich zunächst den verlinkten Trailer gesehen hatte und der Schlimmstes befürchten ließ. Zum Glück ist da aber mal wieder nur was in der Marketingetage schief gelaufen, die Serie selbst ist weitaus besser.

  2. Hallo, guter Text, gut geschrieben. Lediglich die Info zum Showrunner stimmt nicht. Das ist Serienschöpferin Annette Hess. Müller-Kaldenberg und Ziegler sind die Produzenten, viele Grüße Annalisa

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