Grand Budapest Hotel | Film

Schon die ersten Bilder lassen einen wissen, wer hinter dem Film steht, der in den kommenden 101 Minuten vor dem Zuschauer abläuft: Eine „1985“-Einblendung. Eine Parallel-Kamerafahrt, eine Frau, die in demselben Tempo mitgeht und mit einem Buch in der Hand vor einer Büste stehenbleibt, an der ein Haufen Schlüssel hängen. Dann erklingt der Off-Sprecher und führt in die Geschichte ein, während die Kamera den Buchtitel einblendet: „Grand Budapest Hotel“. Ab hier sieht man dem Hotelmanager Monsieur Gustave (Ralph Fines) zu, wie er 1932 eine ältere Dame verabschiedet, dann seinen Lobby Boy Zero (Toni Rovolori) instruiert und schnell in einen Mordfall, einen Diebstahl und eine abenteuerliche Flucht hineingezogen wird.

M. Gustave und Zero werden auch in 4:3 auf frischer Tat ertappt. | Quelle: "Grand Budapest Hotel"-Trailer
M. Gustave und Zero werden auch in 4:3 auf frischer Tat ertappt. | Quelle: „Grand Budapest Hotel“-Trailer

Die Geschichte an sich ist nicht besonders innovativ, aber das ist man von Wes Anderson auch nicht gewohnt. Er schafft es jedoch einmal mehr, sie mit hochgradig skurrilen Charakteren und Nebenhandlungen sowie seiner gewohnt märchenhaften Inszenierung zu versüßen. Allerdings muss ich als inzwischen großer Anderson-Fan zugeben, dass er es in seinem neuesten Werk manchmal etwas übertrieben hat.

Dazu gehört zunächst der Hauptcharakter. Ralph Fines dominiert diesen Film sehr, spielt aber durchaus gut und bekommt viele amüsante Dialoge in den Mund gelegt. Zusammen mit Co-Star Toni Revolori als dem Pagen ist er in sehr vielen Szenen zu sehen, und deshalb ist seine abgedrehte Spielweise mit der Spieldauer manchmal kurz davor, ermüdend zu werden. Es macht Spaß, den beiden bei ihren Abenteuern und damit einer weiteren Version von Andersons „Vater-Sohn“-Komplex zuzuschauen, aber ein wenig weniger Dominanz oder eine etwas kürzere Spieldauer hätten dem Film geholfen.
Dafür können die von allerlei Stars verkörperten Nebencharaktere wieder vollends überzeugen und lassen die Situationen vor Skurrilität nur so überborden. Hier ist vor allem Willem Dafoe erwähnenswert, der einen (für anderson’sche Verhältnisse) fiesen Schläger großartig spielt. Aber auch Edward Norton als deutscher Soldat ist spitze.

Was das Szenenbild angeht, macht Anderson niemand so schnell etwas vor. Da ist alles durchgeplant und symmetrisch, Hintergründe sind farblich an die Charaktere angepasst und quietschbunt sowie in einigen Szenen grafisch genial. Fahrzeuge kommen wie immer zuhauf vor, der „Auf dem Dach nach vorne“-Shot fehlt ebenso wenig wie die massenhaften 90-Grad-Schwenks, Zooms und Dollyfahrten der Kamera. Selbst vor dem Spiel mit dem Seitenvehältnis macht Wes Anderson diesmal nicht halt. Das sieht alles wieder super aus, aber auch hier zeigen sich bei mir erste Ermüdungserscheinungen. Insbesondere die Schwenks sind mir mit der Zeit oft aufgefallen und hätten nicht immer sein müssen.
Selbst das aus Die Tiefseetaucher bekannte Stop-Motion kommt wieder zum Einsatz, allerdings tritt der Film in gerade dieser recht späten Szene in allen Belangen deutlich über die „too much“-Linie.

Ich hatte mit „Grand Budapest Hotel“ dank Andersons toller Einfälle in Sachen Dialog, Charaktere und Situationen wieder meinen Spaß. Aber während mir seine immergleiche Inszenierungsart und sein Einfallsreichtum bisher nie negativ aufgefallen sind, so kamen hier doch ein paar Szenen vor, die für mich zu viel waren und bei denen er sich zu sehr aus seiner Baukastenkiste bedient hat. Ich hoffe sehr, dass er das für seinen nächsten Film erkennt und dann wieder so etwas großartiges wie Moonrise Kingdom schafft.

Von mir gibt es 7,5/10 Punkte.

Gesehen: Kino / englisch
Eckdaten: 2014 / 101 Min / FSK 12
Regie: Wes Anderson
Bisher gesehene Anderson-Filme:

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