Hai-Alarm am Müggelsee | Film

Bilder kann man fälschen. Formulare nicht.
– Bürgermeister Müller

Der deutsche Film und die Spezialeffekte, das ist in den meisten Fällen ja eine eher traurige Beziehung. Hollywood hat da dank Lagerhäusern voller Geld und einer Armee an begabten Leuten sowohl bei den computergenerierten Bildern als auch bei der handwerklichen Arbeit meilenweit die Nase vorn. Was also tun, wenn man in deutschen Landen einen Film über ein Ungeheuer drehen möchte, das in heimischen Gewässern sein Unwesen treibt? Man tut erst gar nicht so, als ob man das realistisch verbildern könnte, sondern macht den Trash gleich zum Mantra des ganzen Werkes.

Links die Marketingabteilung, rechts zwei Sporttaucher. Da kann es für Bürgermeister Müller nur positiv enden. | Quelle: "Hai-Alarm am Müggelsee"-Trailer / Warner Bros.
Links die Marketingabteilung, rechts zwei Sporttaucher. Da kann es für Bürgermeister Müller nur positiv enden. | Quelle: „Hai-Alarm am Müggelsee“-Trailer / Warner Bros.

Hai-Alarm am Müggelsee“ sieht aus, als ob die Gesamtkosten den Low-Budget-Bereich nur von unten gesehen haben und nichtmal mit ausgestreckten Armen auf einer Leiter stehend dessen Unterkante berühren konnten. Schon die erste Szene offenbart, wohin die Reise geht: Der Hai-Jäger Snake Müller (Uwe Dag Berlin) hält sich auf Hawaii auf und macht dort Jagd auf die Fischlein. Nur, dass als Hawaii hier schon der Müggelsee selbst herhalten muss, dekoriert mit ein paar Plastikpalmen und mit zwei amerikanischen Agenten, die einen verdächtig deutschen Akzent aufweisen. Sie wollen von Snake dessen Green Card sehen, die in diesem Fall tatsächlich grün ist. Und selbstgebastelt und -bemalt. Eine A4-Pappe. Die wird eingezogen und Snake begibt sich mit seinem Boot auf den Weg zurück nach Deutschland, zum Müggelsee. Dabei steht Uwe Dag Berlin erkennbar irgendwo an Land, während ihm Regen und Nebel über die Nase gezogen werden.
Und dieser Stil wird bis zum Ende durchgezogen. Der gesamte Film ist unglaublich trashig aufgezogen, und das gilt nicht nur für die Bilder. Die Schauspieler agieren in einigen Szenen (mutmaßlich gewollt) hölzern, als ob sie noch nie etwas von Glaubwürdigkeit gehört hätten. Die Dialoge sind so bekloppt und die Witze dermaßen abstrus, dass sie in sonstigen B-Movies die erste Schnittfassung sicher nicht überlebt hätten.

Ich mag teure, absichtlich auf Trash gebürstete Filme nicht sonderlich. „Sharknado“ fand ich ziemlich langweilig. Aber hier funktioniert das alles wunderbar! Das liegt nicht nur daran, dass der Film gerade in den schrägsten Momenten auf das offensichtliche Vorbild „Der weiße Hai“ referenziert. Auch nicht daran, dass die meisten der vielen, vielen Witze zünden. In humoristischer Hinsicht bewegt sich „Hai-Alarm…“ irgendwo zwischen Helge Schneider, „Die Nackte Kanone„, dem guten alten Mike Lehmann, und Monty Python (man würde sich nicht wundern, wenn der weiße Killerhase durch den friedrichshagener Sand hoppelt) und besetzt dennoch seine eigene Lücke. Es funktioniert, weil sich hinter dem vordergründigen Trash einerseits ein ordentliches Drehbuch verbirgt, welches die sinnlose Geschichte und deren Protagonisten zu einem runden Ende bringt. Zum anderen wird in einer veritablen Satire gezeigt, wie die deutsche Bürokratie und das Politikerhirn funktioniert. Denn nachdem dem armen Bademeister seine Hand im Wasser abgeknabbert wurde stellt sich die Frage, wie auf kommunaladministrativer Ebene mit den Ereignissen umzugehen ist. Der von mir immer wieder gern gesehene Henry Hübchen lässt sich als Bürgermeister von seiner Marketing“abteilung“ erklären, dass man das ganze entweder verschweigen oder aber PR-mäßig ausschlachten könne. Dafür müssen jedoch erst Fakten herangetragen werden und so etnwickelt sich bald ein Arbeitskreis, während der Bürgermeister sowohl mit einer internationalen Pressekonferenz sowie dem ortsbekannten Finanzier und Strandbadbetreiber und schließlich auch den Wutbürgern zu kämpfen hat, die die politischen Entscheidungen anfangs toll finden, dann aber genervt sind. Deutschland (besser: Friedrichshagen) hat mit „Hai-Alarm…“ die Antwort auf die tolle österreichische Serie „Kaisermühlen Blues“ gefunden, in der es auch immer wieder um die kommunalen Amtsträger und deren Problemchen geht. Die gesamte Entwicklung ist so unterhaltsam, dass ich von dem kleinen Hänger in der Filmmitte kaum abgelenkt wurde.

FAZIT

Der eigenwillige Humor ist nicht für jedermann. Mir hat die Penetranz, mit der die Filmemacher ihre nicht vorhandenen Mittel zur Schau gestellt haben, aber einen Heidenspaß gemacht, ich habe die dämlichen Dialoge begeistert verfolgt und musste bei vielen Szenen lachen und schließlich habe ich mich kein bisschen geärgert, dass es letztendlich in „Hai-Alarm am Müggelsee“ eigentlich gar nicht um einen menschenfressenden Hai geht.

  • der konsequent zelebrierte Trash
  • …durch den der Film weniger trashig wirkt
  • diese spezielle Art von Humor
  • Henry Hübchen
  • der hintergründige Sinn der Geschichte
  • der wissenschaftliche Name des Hais
  • das grundsolide Drehbuch mit vernünftigem Ende
  • der rotzige Berliner Dialekt (Lokalpatriotismusbonus)
  • Friedrichshagen als Drehort (Lokalpatriotismusbonus)
  • der Soundtrack!
  • einige nicht zündende Gags
  • kleiner Hänger im Mittelteil

Gesehen: DVD / deutsch
Genre: Komödie / Satire
Eckdaten: 2013 / 99 Min / FSK 6
Regie: Sven Regener / Leander Haußmann
Drehbuch: Sven Regener / Leander Haußmann

Ähnliche Filme: „Bubba Ho-Tep

Andere Meinungen: Jacker’s 2 Cents (9/10)

5 Kommentare

    1. Der Aufwand hält sich dank der passenden Plugins tatsächlich stark in Grenzen. Und inhaltlich muss im Grunde nur nochmal der Text kurz zusammengefasst werden. 🙂

    1. „Cloud Atlas“ wurde soweit ich weiß auch größtenteils in Deutschland produziert. Talent ist also vorhanden, nur ich denke, dass bei rein deutschen Produktionen die Reisekasse nicht die nötige Größe hat, um die Effekte öfter auf die Leinwand zu bringen.

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