Her | Film

I think anybody who falls in love is a freak. It’s a crazy thing to do. It’s kind of like a form of socially acceptable insanity.
– Amy

Die Zukunft wird spaßig. Im Jahr 3000 haben die Menschen nicht nur einen Vergnügungspark auf dem Mond errichtet, sondern auch die künstliche Intelligenz soweit gebracht, dass man ein Date mit ihr haben kann. Man sucht sich dann im Internet einen Promi, läd Aussehen und Personalität auf einen leeren Roboterkörper und kann mit ihm all das machen, was man mit einem Menschen sonst auch machen kann. So lernt Fry in „Futurama“ jedenfalls Lucy Lu kennen. Aber um den geht es hier gar nicht.
Sondern um „Her“. Und darin macht Joaquin Phoenix Bekanntschaft mit einem weiblichen Betriebssystem.

Theodore (Joaquin Phoenix) macht mit Samantha (Scarlett Johansson, im Ohr) einen Ausflug | Quelle: Her Trailer
Theodore (Joaquin Phoenix) macht mit Samantha (Scarlett Johansson, im Ohr) einen Ausflug | Quelle: „Her“ Trailer

Genauer gesagt sorgt sein Charakter Theodore selbst für die Entscheidung, dass sein neues Betriebssystem nicht nur installiert wird, sondern auch eine weibliche Stimme erhält. Der Clou an „OS1“ ist, dass es sprachgesteuert und ein vollkommen intuitives sowie selbstlernendes System ist, welches schon bald seine eigene Persönlichkeit entwickelt und sich mit Samantha selbst einen Namen gibt. Von der wird Theodore immer mehr angezogen und bald ist er verliebt…

Man könnte aus der Konstellation trefflich eine aktuelle Gesellschaftskritik zimmern, denn spätestens mit dem Siegeszug der Smartphones, der damit einhergehenden Vernetzung und den immer ausgereifteren Algorithmen ist Technikabhängigkeit und Internetsucht bei jeder Bahnfahrt sichtbar. Der Blick auf ein kleines Display hat dort längst das Rascheln der Zeitungen abgelöst und auch sonst vergeht keine Minute, in der nicht irgendwo ein Smartphone genutzt wird.
Das alles spielt in „Her“ aber keine Rolle. Die Tatsache, dass in der nicht näher datierten Zukunft vieles am Bildschirm erledigt wird und auch ein Betriebssystem existiert, welches quasi menschengleich agiert und argumentiert, wird hier als gegeben angesehen. Dabei hilft auch das schöne Setdesign, bei dem in Sachen Architektur, Mobiliar oder Transport kaum etwas von Sci-Fi zu sehen ist. Die Computer werden zwar mit Gesten gesteuert, Theodore spielt ein Computerspiel in raumfüllender Projektion und der Ausdruck kommt in Sekundenschnelle aus dem Drucker. Aber nach wie vor gibt es Papier, gehen die Menschen an den Strand und schauen auf das (saubere) Meer, setzen sich auf Holzstühle oder fahren Bahn. Mir hat dieses stark reduzierte Design sehr gut gefallen, es wirkt dadurch vertraut. Zudem fokussiert es auf die eigentliche Innovation, nämlich die zur Perfektion gebrachte KI.

Ich habe einige Zeit gebraucht, aber je länger ich über den Film nachdenke, desto stärker bin ich mir über seine Qualität bewusst. Die paar Längen in der Erzählung, die wenigen grotesken Momenten in der Beziehung, in denen die Unkörperlichkeit Samanthas vortritt sowie die Enttäuschung darüber, dass der Film weniger realistisch und zukunftsvisionierend ist als nach dem Trailer gedacht, haben direkt nach der Sichtung tatsächlich kein besonders gutes Gefühl hinterlassen. Einzig die ruhige, melancholische Inszenierung in schönen Bildern hat mich von Anfang an überzeugen können. Fängt man aber an, die Charaktere, ihre Beziehungen zueinander und vor allem die Unterschiede zwischen allen realen Personen und Samantha zu analysieren, dann breitet sich die Intention von Spike Jonze immer weiter aus. Es ergibt Sinn, warum Theodore als „persönlicher Briefeschreiber“ für andere arbeitet oder warum sein Date, das er erst vor ein paar Stunden kennengelernt hat, sich jetzt schon auf eine feste Beziehung konzentriert. Das rührende Verhältnis des liebenswerten, von seiner bisherigen Erfahrung gezeichneten Theodore und der nicht ansatzweise negativ auffallenden Samantha zeigt, wie toll eine Beziehung funktionieren könnte, in der es keinerlei Missverständnisse gibt. Der Film hat sich für mich erst langsam entwickelt und stellt jetzt eine in ihrer Innovationskraft an „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ erinnernde Beziehungsanalyse dar, die weit über die Frage hinausgeht, ob man eine unkörperliche Beziehung führen kann oder nicht.

FAZIT
„Her“ ist kein Standard-Liebesfilm, bei dem eine Seite einfach nur durch einen Computer ersetzt wurde. Und „Her“ ist weder ein realistischer Film über die Zukunft noch über technische Machbarkeit. Letzteres ist allein Vehikel für den Versuch, eine perfekte Person in eine menschliche Beziehung zu bringen. Dieses Experiment zeigt der Film mit leichten Längen in der Story, dafür aber in schönen Bildern und einer Ruhe, die eine starke melancholische Atmosphäre kreiert. Eine Zweitsichtung ist für mich fast unausweichlich.
Und vielleicht hätten Fry und Lucy Lus Persönlichkeit den Film mal sehen sollen, denn selbst mit Körper für letztere haben jedenfalls die beiden eine Beziehung nicht hinbekommen.
Allerdings hat der Lucy Lu-Roboter auch nicht Scarlett Johanssons sexy Stimme.
Von mir gibt es 8/10 Punkte.

Gesehen: Kino / englisch
Genre: Liebesdrama / Tragik / (Sci-Fi)
Eckdaten: 2013 / 126 Min / FSK 12
Regie: Spike Jonze

Thematisch ähnliche Filme: „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“

andere Meinungen: Singende Lehrerin (9/10) / Filmherum (entspr. 3/10)

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