Ich lerne Filme (3): Stille

Ich glaube, nichts an einem Film kann mich so schnell so sehr manipulieren wie der Soundtrack. Ich brauche nur die ersten paar Töne des grandiosen „Pans Labyrinth„-Score zu hören, um Gänsehaut zu bekommen und die Szenen des Films vor Augen zu haben. Mit Musik wird jedes filmische Schicksal berührender, jede Freude des Protagonisten intensiver und jeder Heldenmut epischer. Die Musik – egal ob als eingebautes Lied oder komponierter Score – ist essentiell für jeden Filmmoment, sie unterstreicht den Szeneninhalt und steuert den Zuschauer emotional bestenfalls in die vom Filmemacher intendierte Richtung.

Allerdings gibt es ein Gefühl, welches nicht mit Musik verstärkt wird, sondern mit dem Gegenteil. Spannende Szenen leben oft von dem nichtvorhandenen Ton, der vor einem Höhepunkt liegt und diesen maximal aufbauen kann. Spannung gibt es in mehrerlei Hinsicht. Es kann Spannung zwischen Charakteren entstehen, in einem Dialog oder durch deren Handlungen, wenn unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen und die Vergangenheit Auswirkungen auf die Gegenwart und damit die Dynamik zwischen den Figuren hat. Stille ist hier unangenehm, weil es eigentlich Normalität ist, dass sich kennende Anwesende miteinander kommunizieren. Herrscht aber nur das berüchtigte brüllende Schweigen, dann fühlt man sich auch als Zuschauer unwohl, weil man weiß, dass zwischen den Protagonisten Probleme liegen.
Dann gibt es aber auch die Spannung eines Thrillers oder Horrorfilms, bei der nicht die zwischenmenschliche Beziehung im Mittelpunkt steht, sondern der ungewisse Ausgang für den Protagonisten. Wenn Bedrohung in der Luft liegt, kann die natürlich mit Musik verstärkt werden, wie „Der Weiße Hai“ eindrucksvoll beweist. Aber die spannensten und gruseligsten Szenen habe ich bis dahin unzweifelhaft an Bord der Nostromo erlebt, wo Ellen Ripley langsam durch die klaustrophobischen Gänge schleicht und man nichts weiter hört als die leise arbeitende Schiffstechnik. Ein zu ausladender Score hätte hier wohl einen Großteil der Atmosphäre von „Alien“ gekillt; aber auch das Fehlen der durch das Alien verursachten Umgebungsgeräusche spielt in die Spannung hinein, weil man einerseits weiß, dass es irgendwo sein muss, man durch fehlende Fußtappser oder andere Geräusche aber der Ortungsmöglichkeit beraubt wird.

Für all diese Szenen der tosenden Stille hat Arte in seinem Blow Up-Magazin im Beitrag „Die Stille im Film“ eine tolle Beispielreihe aufgefahren, die mit einem Top 5 der besten stillen Szenen endet. So ergeben sich eine Vielzahl an Beweisen, dass Musik im Film zwar wichtig, deren Fehlen aber ebenso effektvoll sein kann.

Wieder was gelernt!

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1 Kommentar

  1. Wobei die „Stille“ in ALIEN ja keine komplette Stille bedeutet. Größtenteils zumindest. Das Dröhnen der Motoren arbeitet stark in die Beklemmung des Settings herein.

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