Jurassic World | Film

That thing out there, that is no dinosaur.
– Owen Grady

Zur Vorgeschichte eines Kinobesuchs, der im Desaster enden sollte. „Mad Max“ Teil 1 bis 3: Nie gesehen. „Jurassic Park“ Teil 1 bis 3: Die DVD von Teil 1 ist abgenutzt vom vielen Rotieren im Player und ganze Szenen kann ich lippensynchron nachsprechen. Teil 2 gucke ich mir auch ab und zu gerne an. Von Teil 3 weiß ich bis auf eine Szene, in der Menschen auf einer Hängebrücke von Flugsauriern angegriffen werden, rein gar nichts mehr. Vor einiger Zeit kam der „Mad Max: Fury Road„-Trailer raus. Meine Reaktion: Naja. Dann war ich doch im Kino. Meine Reaktion danach: Huiuiui, was ein Spaß! Vor einiger Zeit kam außerdem der „Jurassic World„-Trailer raus. Meine Reaktion: Oh weh. Dann war ich doch im Kino. Meine Reaktion danach: Oh weh, oh weh!

Die Dinos jagen Owen nicht, sie jagen mit ihm.... 'nuff said! Quelle: "Jurassic World"-Trailer
Die Dinos jagen Owen nicht, sie jagen mit ihm…. ’nuff said!
Quelle: „Jurassic World“-Trailer

Denn für mich ist das die Filmenttäuschung des Jahres mit sicherem Vorrecht, auch am 31. Dezember noch auf Platz 1 zu stehen. Dabei war ich zuvor noch verhalten optimistisch, denn auf imdb hat er immer noch eine nicht ganz so schlechte 7.6 und die ersten Rezensionen verglichen den neusten Teil der Dinohatz zumindest in der Tendenz mit dem Original. Und grundsätzlich existieren sogar viele Parallelen. Die Handlungen ähneln sich so sehr, dass man fast von einem Remake sprechen könnte. Die Funktionen und Rollen vieler Charaktere gleichen sich stark, auch wenn die Figuren in „Jurassic World“ nochmals deutlich flacher ausfallen und allenfalls eine Alibientwicklung durchmachen. Selbst Produktionstechniken werden kopiert, indem der aktuelle Film zwar mit CGI gespickt ist, aber an wenigen Stellen Animatronics verwendet wurden. Die Geschichte um den jetzt eröffneten Dinopark ist im Grunde eine Fortentwicklung derjenigen aus dem ersten Teil. Fortentwicklung ist das Thema. Alles ist natürlich größer und rasanter und bunter als in den Teilen zuvor, und hätte ich mir die Trilogie und vor allem den dritten Teil zuvor nochmal angeschaut, hätte ich die Richtung erahnen können, zumal der Trailer auch nichts Falsches versprach. Der Film selbst lässt durch eine Dialogszene über den Park erkennen, dass sowohl die Attraktionen darin als auch „Jurassic World“ an sich nur die Antwort auf das Verlangen der Zuschauer nach Mehr ist.

Viele Besprechungen benennen das Nostalgiegefühl, die Erinnerungen an das Original, die mit einem Haufen Anspielungen an die alten Teile befeuert werden sollen. Es macht einerseits Spaß, diese mehr oder minder in die Handlung integrierten Dinge zu entdecken. Andererseits sind viele von ihnen völlig generisch und offensichtlich eingebaut, dass für mich ihr Zweck viel zu sehr durchscheint und deshalb das Abholen in die schöne Dinowelt schon hier nicht funktionierte. Auch die Szenen im toll inszenierten Park selbst hatten keine Wirkung auf mich. Wo ich auch heute noch die Jagd der Raptoren in Teil 1 und 2 hochspannend finde und mich vor dem T-Rex grusele, habe ich die gesamte Dinoaction in „Jurassic World“ mit einem Gähnen zur Kenntnis genommnen. Ebenfalls hier vorhanden: Ganze Szenendopplungen zu den filmischen Vorahnen. Dass ein Blockbuster kalkuliert produziert wird, kann man ihm nicht wirklich vorwerfen und im Falle einer Filmreihe kommen Referenzen oft vor. „Jurassic World“ hat es für mich aber nicht geschafft, diese Elemente organisch einzubinden und mich so emotional zu packen. Dass der Film für’s Portemonaie entwickelt wurde zeigen auch die selbst für heutige Standards inflationären product placements, einem weiteren Punkt auf der Negativliste. Vielleicht kaufe ich mir auch so einen flüsterleisen BMW

Wo ich aber vollends jeder Rezension widersprechen möchte ist der Punkt, dass der Film gerade für Fans des ersten Teils spaßig sei. Denn den Kardinalsfehler macht das Drehbuch gerade dort, wo es für einen Dinofilm existenziell ist: Beim Umgang mit den Dinos selbst. In „Jurassic Park“ stellte jeder Dino eine potentielle Gefahr dar, denn auch von den Pflanzenfressern konnte man umgerannt oder mutmaßlich vom Baum geniest werden. Es waren Tiere, die nichts Böses wollten, sondern ihrem Instinkt folgten und dabei mehr oder minder realistische Verhaltensweisen an den Tag legten, wie einem jeder Küchenraptor versichern könnte. Realismus war auch im ersten Teil nie das Thema, aber „Jurassic Park“ hat zusammen mit den Charakteren seine tierischen Protagonisten ernst genommen. Hier aber rennt Chris Pratt als Dinoflüsterer mit seinen Schoßhündchen durchs Gemüse, Kinder besuchen den Streichelzoo mit Reittriceratopsen und ein Wasserdino schwimmt „Free Willy„-mäßig im Plantschbecken umher. Das ist konsequent weitergedacht und passt zum Parkambiente, wirkt auf mich aber nur lächerlich.
Den Höhepunkt des Tiefpunkts erreicht man aber mit der ultimativen Weiterentwicklung einer Idee aus dem ersten Teil (und, wie ich mir im Nachhinein angelesen habe, dem dritten Teil), indem man das ultimativ Böse durch Genmanipulation züchet. Die Leute wollen mehr, die Leute kriegen mehr: Auf einmal gibt es nicht nur einen T-Rex, sondern einen Über-T-Rex, der dank verschiedener Gene verschiedene Dinge machen kann und auch sonst recht schlau zu sein scheint. Er mordet sich nach seinem Verschwinden blutrünstig durch den Park und mampft dabei nicht etwa großartig viele Menschen (was in Anbetracht der Menschenmassen auf der Insel konsequent wäre), sondern greift andere Dinos an, um seine Bösartigkeit so plakativ wie möglich zur Schau zu stellen und dennoch die marketingtechnisch wichtige FSK12-Marke nicht zu überschreiten. Auch hier versagt das Drehbuch wieder, denn wozu sind so viele Menschen im Park, wenn sie bis auf wenige Szenen keinen Nutzen für die Dramaturgie haben? Die Gefahr schwebt zielstrebig allein über den Hauptcharakteren. Über den großen Showdown, statt dem man sich genauso gut einen Film à la „Giant Fledermaus vs Riesenkänguru“ anschauen könnte, sage ich lieber nichts, denn schon lange vorher hatte ich mich resigniert in meinen Kinosessel gekuschelt und gehofft, dass alles bald vorüber ist.

Fazit

Auch wenn viele Fans von „Jurassic Park“ den neusten Teil einigermaßen unterhaltsam fanden, so denke ich, dass bei mir persönlich der Nostalgiefaktor ein großes Gewicht bei der Bewertung von „Jurassic World“ als völlig überzogener und generisch zusammengepuzzleter Fortsetzung einnimmt. Das Erinnern an den dritten Teil hätte vielleicht auch geholfen, die eh nicht allzu hohen Erwartungen im Vorfeld zu dämpfen, denn in Sachen Konsequenz kann man der Reihe und dem Film nichts vorwerfen. Ebenso nicht den verantwortlichen Excelschubsern, die mit den Neuerungen und dem versuchten Abholen der alten Fans wohl alles richtig gemacht haben, wie 900.000 Besucher am Startwochenende zeigen.
Dass die Mechanismen eines Blockbusters aber so derart offengelegt waren und oft nichtmal versucht wurde, sie durch ein intelligenteres Drehbuch zu kaschieren, finde ich traurig und gehe wohl schnellstmöglich nochmals in „Mad Max: Fury Road„, um mich zu vergewissern, dass es Blockbuster-Fortsetzungen gibt, die es besser und mich wirklich begeistern können.
Denn für mich ist „Jurassic World“ ein Scheißfilm.

  • der eingebaute Originalscore
  • die Details aus den Vorgängern
  • die Babytriceratopse für sich genommen
  • der Kurzauftritt von Dr. Henry Wu
  • einige wenige Park-Ideen
  • die generischen Charaktere
  • der „Witz“ in den „lustigen Szenen“
  • das product placement in dieser Form
  • das flache Drehbuch
  • die nicht vorhandene Spannung
  • die Stöckelschuh-Szene kurz vor Ende
  • der Umgang mit den Dinos durch das Drehbuch
  • die überzogenen Fähigkeiten des Über-T-Rex

Wiederschaupotential: So gut wie nicht vorhanden

Lieblingscharakter: Der Nerd-Mitarbeiter mit dem „Jurassic Park“-Shirt
Lieblingsszene:

Eckdaten

Gesehen: Kino / englisch / 3D
Genre: Action
Herkunftsland: USA
Eckdaten: 2015 / 124 Min / FSK 12
Regie: Colin Trevorrow
Drehbuch: Colin Trevorrow / Amanda Silver / Derek Connolly / Rick Jaffa

Andere Meinungen

Cinekie (8/10) / Der Kinogänger (8/10) / Filmherum (4/5) / Singende Lehrerin (6,5-7/10)

8 Kommentare

  1. Ich bleibe dem Film konsequent fern. Fand den ersten Teil super – damals – und hab ihn seitdem nicht mehr gesehen. Der Rest hat mich noch nie interessiert und bei JURASSIC WORLD war für mich nach dem ersten Trailer Ende!

    1. Meine Hoffnung ist, dass der Film so schnell aus dem Gedächtnis verschwindet wie Teil 3. Aber die Enttäuschung über Blockbuster verstärkt sich in letzter Zeit immer mehr, „Mad Max“ mal ausgenommen.

  2. Ohje… hört sich schlimm an. Und das von einem, der „Jurassic Park“ anscheinend genauso liebt wie ich. Naja, werde mich nächste Woche selbst überzeugen…

    1. Es meinen ja nicht wenige, dass das eine zumindest okaye Fortführung des ersten Teils wäre. Kann ich für mich wie geschrieben nicht behaupten, allerdings bin ich auch schon dezent skeptisch ins Kino gegangen. Da kommt man schneller in die Negativspirale rein und sieht dann mehr Dinge schlechter… wobei ich auch nach zwei Tagen Nachdenkzeit kaum Positives erkennen konnte. 😉

  3. Also uns dreien hat der Film eigentlich von gut bis zu sogar sehr gut gefallen! 🙂
    Einfach Popcornkino der besseren Art!
    So sind Meinungen halt!
    Kannst ja mal in unserer neuen Folge von Endstation Podcast reinhören!
    Wir sprechen auch ausführlich über Teil 1.
    Und hoffentlich wird dich Star Wars Episode 7 nicht noch mehr enttäuschen!!! 🙂
    Viel Spaß!!!

  4. Oh weh, oh weh. Den möchte ich eigentlich sehr gerne im Kino sehen, aber andererseits… hört man vermehrt durchschnittliches bis schwaches über den Film. Und was du so schreibst („Dinoflüsterer & Co.) macht es nicht gerade besser. Na zumindest sind die Erwartungen jetzt endgültig im Keller. 😉

    1. Wirklich Schlechtes habe ich bisher noch gar nicht gelesen, eher Durchschnitt bis solide. Offensichtlich gefällt der Film also doch einigen. Geringe Erwartungen können aber mit Sicherheit nicht schaden. 🙂

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