Lionel Shriver: We Need to Talk About Kevin

Amokläufe an Schulen dürften zu den perfidesten Verbrechen gehören, zu denen Menschen fähig sind. Die Wehrlosigkeit der Opfer, deren und das Alter des oder der Täter, die Sinnlosigkeit des Tötens. Alles Facetten, die große mediale Aufmerksamkeit und Betroffenheit erregen. Das Interesse am Schicksal der Opfer und Motivation und Leben der Täter lässt sich bestenfalls mit dem Bedürfnis nach zukünftiger Verhinderung solcher Taten, oftmals leider nur mit morbider Faszination erklären. Der Fokus liegt dabei hauptsächlich auf den Opfern und dem Täter. Was dabei abseits der bunten Blättchenwelt außer Acht gelassen wird, ist die Gefühlswelt der Angehörigen. Weniger derjenigen, die den Opfern nahestanden als denjenigen, die Teil des Täterlebens waren. Dieser Aspekt bietet die Grundlage für Lionel Shrivers „We Need to Talk About Kevin„.

Eva Khatchadourian ist solch eine nahe Angehörige. Ihr Sohn Kevin hat sich als Täter in die Liste der US-amerikanischen school shootings eingetragen. Sie versucht, nach der Tat für sich die Frage zu klären, ob sie das Ereignis an diesem Donnerstag hätte kommen sehen müssen oder ob sie sogar das ihrige dazu beigetragen hat. Dafür beleuchtet sie ihr zerrüttetes Verhältnis zu ihrem Sohn, die Veränderungen in ihrem Wesen und ihrer Familie, die schon vor Kevins Geburts anfingen. Sie beschäftigt sich mit ihrem nicht vorhandenen Kinderwunsch und ihrer Vorstellung vom weiteren Lebensweg, während sie noch unabhängig als Reiseführerschreiberin durch die Welt tingelt, geht auf die Bedenken gegen ein Kind ein und schildert, wie sich ihr Leben nach und nach nicht gerade zum Besseren ändert, nachdem Kevin auf der Welt ist. Das alles geschieht monologartig in Form von Briefen, die sie schreibt.

Durch die Briefform taucht man tief in die trostlose und negative Gefühlswelt von Eva ein und erhält auf viele Schlüsselszenen zwei Sichtweisen: Die objektive Schilderung einer Situation und die Gedanken Evas dazu. Viele dieser Gedanken sind abstoßend und düster und man mag nicht nur einmal mit dem Kopf schütteln aufgrund der Einstellung, die Eva an den Tag legt. Die Fassungslosigkeit stellt sich aufgrund der Tatsache ein, dass sie einem Kind, was grundsätzlich als etwas Unschuldiges gilt, Dinge unterstellt, die einem „normalen“ Menschen nie einfallen würden. Für mich waren die Gefühle, die mir beim Lesen durch den Kopf schossen, vergleichbar mit der typischen Figur des kleinen Kindes in Horrorfilmen, das blass und mit großen Augen aus dem Nichts auftaucht und für den Protagonisten selten etwas Gutes bedeutet. Tatsächlich schafft es das Buch, beim Lesen gleichzeitig Abscheu gegenüber Eva zu erzeugen und andererseits das Tabuthema Bösartigkeit eines Kindes als eine -zumindest aus Evas und damit aus Lesersicht – plausible Erklärung für bestimmte Verhaltensweisen Kevins hinzustellen. Man fühlt sich durch die (scheinbar) in Wahnvorstellungen abdriftende Eva unwohl und bedrückt, versteht aber gleichzeitig ihr Bedürfnis, eine Erklärung für alles zu finden.

Die Frage danach, ob ein Kind von Natur aus böswillig sein kann, ob es manipulativ ist oder ob sich das alles nur im Kopf der Mutter in Form einer Psychose abspielt, diese ist es, die dem Leser zur Beantwortung überlassen wird.
Mangels Kindern kann ich nur vermuten, dass das Buch auf (werdende) Eltern nochmal eine ganz andere Wirkung haben dürfte. In welche Richtung diese geht, vermag ich ebensowenig zu sagen.

Letztendlich ist die Tatsache, dass Kevin sich zu einem Schulmassaker entschlossen hat, für diese Geschichte nicht allzu sehr von Bedeutung, bietet aber einen interessanten Klimax, den man schon nach wenigen Seiten in Form des Donnertags vor sich hat, von dem Eva immer wieder schreibt und der den Höhepunkt der Veränderung ihres eigenen, kinderlosen Lebens hin zu einem Albtraum darstellt.
Was das Buch auf keinen Fall kann und auch nicht will, ist eine definitive Antwort auf die Frage nach dem „Warum“ zu finden, die gar auf reale Fälle anwendbar wäre. Fokus ist stets das scheinbar von Anfang an zum Scheitern verurteilte Verhältnis von Mutter zu Sohn aus Evas Sicht.

Insgesamt ist Evas Gefühls-Striptease unglaublich fesselnd, gruselig und damit unterhaltsam, auch wenn es vor allem im Mittelteil ein paar Seiten und einige wenige Wiederholungen weniger auch getan hätten. Dass eine wirkliche Geschichte nicht vorhanden ist, stört nie. Die in „We Need to Talk About Kevin“ verwendeten, hoch emotionalen Tabuthemen bieten Konfliktpotential und ich glaube, dass das Buch stärker als viele andere die Leserschaft in Abneiger und Sympathisanten spaltet. Ich gehöre jedenfalls zur letzteren Gruppe und bin jetzt schon sehr gespannt auf die Verfilmung, die zum Glück schon im Regal auf ihre Sichtung wartet.

Von mir gibt es 9/10 Punkten.

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