Moonrise Kingdom | Film

Ich mag Filme von Tim Burton. Ich mag Filme von Jean-Pierre Jeunet. Und auch den ein oder anderen Film von Terry Gilliam kann ich durchaus in die Wahl zu meinen Filmfavoriten einbeziehen. Was sie alle gemeinsam haben ist die fantastische, fantasievolle und zutiefst skurrile Inszenierung ihrer Werke. Es war anscheinend also höchste Zeit, in die Filmwelt des Wes Anderson einzutauchen. Und dazu habe ich mir „Moonrise Kingdom“ ausgesucht.

Auf der Suche nach dem richtigen Weg: Suzy (Kara Hayward)  und Sam (Jared Gilman) | Quelle: Moonrise Kingdom DVD / Tobis
Auf der Suche nach dem richtigen Weg: Suzy (Kara Hayward) und Sam (Jared Gilman) | Quelle: Moonrise Kingdom DVD / Tobis

Die Geschichte ist schnell zusammengefasst: Sam ist Pfadfinder und in den 1960ern in einem Sommercamp auf der Insel New Penzance „stationiert“. Auf selbiger wohnt auch Suzy, die bei ihren Eltern allerdings nicht gerade glücklich ist, zu der Sam sich jedoch hingezogen fühlt. Deshalb wollen Sam und Suzy zusammen abhauen. Als sie dies auch tatsächlich machen, sind Eltern, Pfadfindercorps, Polizei und schließlich auch das Jugendamt alarmiert und starten eine Suchaktion…

So weit, so simpel. Wer im Verlaufe des Films großartige Wendungen und Spannung erwartet, ist an der falschen Stelle. Die Besonderheit an „Moonrise Kingdom“, mit der dieser Geschichte der nötigen Pepp verleihen wurde, sind die Charaktere. Fast alle Hauptpersonen sind Kinder bis 14 Jahre, die allerdings wenig kindlich agieren. Sam und Suzy durchleben den Anfang einer Liebesgeschichte, welche bei der Besetzung mit Erwachsenen wohl eine 08/15-Romanze zur Folge gehabt hätte. Durch den Gegensatz von tatsächlichem Alter und Verhalten entwickelt sich das Ganze jedoch keinesfalls kitschig, sondern einerseits langsam, andererseits geradezu ernsthaft. Dazu trägt auch bei, dass Sam und Suzy nicht von ungefähr zueinander finden. Beide haben mit ihrer Umgebung zu kämpfen, die mit ihrer Andersartigkeit nicht zurechtzukommen scheint. Nur gegenseitig scheinen sie sich zu verstehen und glücklich zu sein. Dieser Gegensatz von surrealer Darstellung und ernstem Inhalt gibt der Geschichte die nötige Dichte, um den Film über seine 90 Minuten zu tragen. Ganz im Stil von „My Girl“ hat man jede Menge Freude daran, das Thema erste Liebe und Verstandenwerden mit den Hauptdarstellern zu erleben, im Gegensatz zum Erwähnten allerdings auf eine deutlich  erwachsenere Art.

Auch die anderen kindlichen Charaktere haben eine erwachsene Ader, was man von den Erwachsenen auf New Penzance nicht gerade behaupten kann. Im Gegensatz zu den Kindern haben diese – von allerlei namenhaften Darstellern (Bruce Willis, Edward Norton, Bill Murray) verkörpert – die Rolle mit den Kindern scheinbar vertauscht und leiden wahlweise an Unsicherheit, Selbstzweifeln oder Überforderung. Als schrulliger supporting act funktioniert dies bei jedem von ihnen großartig und sie stehlen dem eigentlichen Hauptduo nicht die Show. Ich denke auch, dass Bruce Willis nicht ohne Hintergedanken gerade als Cop gecastet wurde. John McLane lässt grüßen.

Apropos Anspielungen und um endlich zur Inszenierung zu kommen: Wie gesagt war das mein erster Anderson-Film, deshalb weiß ich nicht, was in „Moonrise Kingdom“ alles zu seinem typischen Stil gezählt werden kann. Ich vermute jedenfalls, dass er sich im Vorfeld so einige Theateraufführungen angeschaut haben dürfte, denn der gesamte Film erinnert stark an eine solche. Neben der einfachen Story und den skurrilen, etwas stereotypen Charakteren sind vor allem Bühnenbilder und Kameraperspektive für diesen Vergleich verantwortlich. „Schaukasten“ ist für viele Szenen die beste Beschreibung, denn als Zuschauer bekommt man es oft mit Totalperspektive, Puppenhausoptik und ruhigen Kamerafahrten hinter und quer durch Büsche und allerhand Vordergrundgegenstände in alle möglichen Richtungen zu tun, die New Penzance als großes Diorama erscheinen lassen. Dass sich die Stilmittel desöfteren wiederholen, verstärkt diesen Eindruck nur noch. Und auch den zu den Zuschauern redenden „Erzähler“ kennt man schon aus Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“.
In jeder Szene gibt es unzählige Details zu entdecken, die Ausstattung und auch die Farbgebung der Bilder lassen einen in die ’60er abtauchen. Dazu gehören auch einzelne Kamerazooms, die sehr an die Filme dieser Zeit erinnern. Überhaupt wurde nicht mit Referenzen zu allerlei Filmen (nicht nur aus dieser Zeit) gespart. Der absolut großartige Score rundet das Ganze ab und lässt in Sachen Inszenierung somit keine Wünsche offen.

Insgesamt bin ich deshalb sehr froh, über „Moonrise Kingdom“ gestolpert zu sein. Nach einem etwas langsamen Start wird man unweigerlich in die Geschichte hineingezogen, freut sich über die liebevollen Bilder, mit Sam und Suzy über deren Fortschritte in Sachen Liebe und Akzeptanz und vergisst darüber die recht seichte Geschichte. Und Wes Anderson wird jetzt auch mit seinen anderen Werken den Weg in meine Sammlung finden.
Von mir gibt es 8.5/10 Punkte.

(02.02.14) Nachtrag: Nachdem ich mir den Film jetzt schon zum zweiten Mal angeschaut habe, muss ich revidieren: Beim Wiedersehen fallen einem doppelt so viele Details in den Szenen auf, man kann die Charaktere besser würdigen und dadurch erscheint der Film gleich doppelt so rund.
Deshalb hebe ich meine Wertung um 1 Punkt auf 9.5/10 Punkte hoch.

7 Kommentare

  1. Hehe, wusste ich doch, dass ich der einzige Film-Blogger bin, der den Film nicht so überragend findet. Mir ist er einfach zu künstlich. Da fand ich die Liebesgeschichte in „My Girl“ (selbst vor der Wendung) um einiges berührender. Nee, einfach nicht mein Ding.

    1. Du hast Dir mit „Moonrise Kingdom“ auch ungefähr den Amazonas ausgesucht, um gegen den Strom zu schwimmen ;). Aber wenn es nicht passt, passt es halt nicht.

      Künstlich ist der Film sicher, aber für mich passt das alles wunderbar zusammen, sodass das Künstliche nicht störend wirkt. Gerade das „erwachsene Verhalten“ der Kinder fand ich einen tollen Kniff und die skurrilen Erwachsenen selbst wurden in der richtigen Dosis benutzt.

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