Oldboy (Oldeuboi) | Film

Egal, ob ein Sandkorn oder ein Stein, im Wasser sinken sie beide.
– Lee Woo-jin

Bei europäischen Filmen kann ich aufgrund der Herkunft zumeist schon im Vorhinein vermuten, ob mir ein Film zusagen wird oder eher nicht. Die rabenschwarzen Komödien aus Skandinavien gehen immer, ebenso der skurril-trockene Humor der Briten oder der Österreicher oder die verspielten Abenteuer in der „Fabelhaften Welt der Amelie“ oder in „Mathilde“ aus Frankreich. Osteuropäische Filme sagen mir eher weniger zu.
Ebenso steht es mit dem asiatischen Kino. Der chinesische „House of Flying Daggers“ ist fantastisch, zu „Bankok Dangerous“ aus Thailand habe ich trotz schöner Bilder keinen Zugang gefunden. Jetzt stand mit „Oldboy“ der erste koreanische Streifen auf meiner Speisekarte.
Und der war ein 7-Gänge-Menü mit Kirsche auf dem Sahnedessert.

Hammer time! Die Gewaltszenen in "Oldboy" sind selten explizit, gehen aber gerade deshalb immer unter die Haut. | Quelle: "Oldboy"-Trailer
Hammer time! Die Gewaltszenen in „Oldboy“ sind selten explizit, gehen aber gerade deshalb immer unter die Haut. | Quelle: „Oldboy“-Trailer

Denn Park Chan-wook hat jede Faser von „Oldboy“ so perfekt ausgewählt, verarbeitet und mit den anderen verwoben, dass man ein in jeder Hinsicht vollendetes Drama bewundern darf. Was sich aus der Prämisse des 15 Jahre eingesperrten Oh Dae-su entspinnt ist spannend, tragisch, knallhart und wunderschön.

Oldboy“ ist spannend. Die Aufdröselung der „Detektivgeschichte“ fesselt bis zum Schluss. Oh Dae-Sus Reise führt ihn zu immer neuen Hinweisen, Personen und damit Erkenntnissen. Das Bild, welches sich daraus am Schluss aufbaut, ergibt absolut Sinn und ist überraschend, auch wenn im Verlauf immer wieder Brotkrumen gestreut werden, die auf dieses Ende hindeuten. Und obwohl die Entwicklungen zeitweise merkwürdig anmuten. Die ganz kleinen Längen in der Mitte kann der Film auch sehr gut abfedern.

Oldboy“ ist tragisch. Die Story ist nämlich nur das Grundgerüst, auf dem alle anderen Facetten des Films konstruiert werden. Und einen großen Teil dabei nimmt nicht allein die Empathie mit dem Hauptcharakter ein, auch wenn ich mit ihm mitgelitten habe wie mit kaum einer anderen Filmfigur bisher. Dafür zeichnet Choi Min-sik verantwortlich, der den ambivalenten Oh Dae-su einfach phantastisch spielt. Er darf seine ganze Mimik in diversen Nahaufnahmen ausspielen und sich in vielen schmerzhaften, verzweifelten und demütigenden Situationen austoben. Ein Grund, warum er mich so überzeugen konnte, ist sicher auch, dass asiatische Schauspielerei – sei es durch die komplizierte Synchronisationarbeit, den anderen Kulturkreis oder generell eine andere Art der Schauspielerei – mitunter befremdlich auf mich wirkt. Ob es generell am koreanischen Kino oder speziell an diesem Film liegt weiß ich nicht, jedoch war das Schauspiel hier vertrauter für westliche Augen.
Neben den Gefühlen, die die Geschichte und das Schicksal des Hauptcharakters auslösen, hat der Film aber eine Vielzahl an metaphorischen Ebenen, die nicht lieblos draufgeklatscht, sondern wunderbar in die Geschichte eingearbeitet sind. Schuld, Vergebung, Fehler, das sind ein paar der Themen, die durch Dialoge und Verhaltensweisen aufgezeigt werden. Dabei sind es auch die vielen kleinen Nebengeschichten, die ihren Teil beitragen. Sie bestehen zeitweise nur aus einzelnen Szenen, helfen aber mindestens dabei, den Hauptcharakter zu zeichnen und das Kopfkino einzuschalten.

Oldboy“ ist knallhart. Und das Kopfkino spielt dabei eine große Rolle. Der Charakter Park Cheol-woong erklärt es ganz richtig:

Es heißt die Menschen kriegen nur Angst, weil sie zu viel Fantasie haben. Also versuch doch einfach dir nichts vorzustellen, dann kannst du ganz bestimmt tapfer sein.

Dieses Mantra hat sich Park Chan-wook zu Herzen genommen und in „Oldboy“ neben wenigen expliziten Gewaltszenen durch gezieltes Nichtzeigen vor allem das Zuschauergehirn arbeiten lassen. Es gab so einige Szenen, die mir physisch nahe gegangen sind und bei denen ich mich ob der FSK 16-Freigabe etwas wundere. Aber egal, ob diese Brutalität in kleinen Nahaufnahmen oder in den wenigen langen Martial-Arts-Actionsequenzen gezeigt wird, sie ist kein Selbstzweck. Der Film baut auf Unwohlsein und auf Schläge in die Magengrube auf und deshalb passt die kompromisslose Inszenierung wie der Hammer auf den Schädel.
Zusammen mit dem vorwiegend in bläulicher Farbgebung gehaltenen, dreckig-düsteren Setdesign schafft Park Chan-wook eine Atmosphäre, die sich hinter David FinchersSe7en“ mitnichten zu verstecken braucht.

Oldboy“ ist wunderschön. Schließlich spiegelt sich die gesamte Ambivalenz nicht allein in Oh Dae-su oder in den ausgelösten Gefühlen wieder. Auch die angesprochene düstere Inszenierung hat ihren Gegenpart, obwohl man schon diesen Szenen Eleganz und Schönheit attestieren muss. Es gibt jedoch immer wieder ruhige, helle Einstellungen, die die Achterbahnfahrt von Oh Dae-su und damit des Zuschauers nochmals verstärken. Der Einsatz verschiedener Kamerapositionen, innovativer Bildsprache, immer wiederkehrender Bildzitate und nicht zuletzt der grandiose Piano-Score runden alles ab.

Fazit

Oldboy“ hat mich mit seiner Kompromisslosigkeit überrannt. Egal ob Geschichte, Thematik oder Inszenierung, hier stimmt alles, weil die einzelnen Teile in vielen Verklammerungen eine Einheit bilden. Das ist ein Film, der einen während des Schauens fasziniert, berührt und beunruhigt und danach noch eine ganze Weile beschäftigt. Park Chan-wook hat ein Werk geschaffen, das „Se7en“ auf Anhieb von meinem Psychodrama-Thron verdrängt. Ich bin mir sicher, dass mich „Oldboy“ aufgrund der vielen, vielen Details und Ebenen auch noch die nächsten Male begeistern wird, obwohl ich den Ausgang der Geschichte jetzt schon kenne.

Von mir gibt es 10/10 kleine weiße Hündchen.

Gesehen: BD / deutsch
Eckdaten: 2003 / 120 Minuten / FSK 16
Land: Südkorea
Genre: Thriller / Psychodrama
Regie: Park Chan-wook

ähnliche Filme: „Se7en“

3 Kommentare

  1. Hmm, dem müsste ich wohl noch einmal eine Chance geben. Fand den „nur“ sehr gut (8 Punkte). Besser als „Sieben“ (wenn auch in meinen Augen ganz andere Art von Film) ist er aber keinesfalls — aber das liegt wohl immer im Auge des Betrachters… 😉

    1. Inwieweit eine ganz andere Filmart? Die Story ist natürlich unterschliedlich, aber sowohl das Genre Psychodrama/-thriller als auch die düstere Inszenierung, die grauseligen Szenen, die pessimistische Atmopshäre, die verschiedenen philosphischen und psychologischen Schichten, die von der Aufklärung besessenen Hauptcharaktere und sogar die Strippenzieher-Antagonisten sind meiner Meinung sogar ziemlich ähnlich. Selbst „Fight Club“ könnte man meiner Meinung nach noch als ähnlich bezeichnen.
      Und „Se7en“ kommt bei mir ziemlich nah an die 10 ran. 🙂

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