Schnelldurchlauf mit Außenseitern: Big Fan & Virgin Mountain (Fúsi) | Film

Attraktiv? Übergewichtig. Freunde? Keine. Karriere? Eher nicht. Wohnort? Bei Mutti. Antworten, mit denen man in einer Singlebörse vermutlich weniger erfolgreich sein wird. Antworten, die man charaktergeworden in Form des Einzelgänger-Klischees in unzähligen Highschool-Filmen wiederfindet. Und Antworten, die identisch auf zwei Protagonisten zutreffen, deren Geschichten in zwei Filmen aufgearbeitet werden: Paul in „Big Fan“ sowie Fúsi in „Virgin Mountain.“ Diese Filme sind ihrerseits die Antwort auf die Frage, ob man mit einem Klischeecharakter einen guten Film fabrizieren kann.
Nach Sichtung der beiden Filme darf ich vermelden: Man kann.

Big Fan

Drama | USA 2009 | 91 Min | R&D: Robert D. Siegel | DVD / englisch

Für „Big Fan“ muss man ein bisschen offen sein für die (Sport)fankultur, denn genau in dieser bewegt sich Paul Aufiero. Er ist Mitte 30, wohnt bei Mama, hat keine Freundin, arbeitet als Schrankenwärter im Parkhaus und ist glühender Anhänger der New York Giants, deren Spiele er mit seinem einzigen Kumpel besucht. Seine größte Freude ist es, regelmäßig bei einer Call-In-Show im Radio anzurufen und über die Giants zu diskutieren, dabei gerne auch die anderen Anrufer niederzumachen.
Big Fan“ wirft einen Blick auf das Fansein, welches in Einzelfällen auch schnell zu einer veritablen Manie auswachsen kann. Die Bewunderung der Giants und ihrer Spieler durch Paul gleitet in den Fanatismus ab, der in einzelnen Szenen so makaber-komisch inszeniert wird, dass man kaum darüber lachen kann. Die Handlung sorgt aber auch dafür, dass Paul irgendwann in einen Konflikt gerät und von der realen Welt wieder eingeholt wird. Was mich aber wirklich begeistert und die teils inkonsistente Handlung wohlwollend übersehen lassen hat, dass ist der von Patton Oswalt verkörperte Paul. Oswalt, der Spence aus „King of Queens“ und optisch eher nicht so der Hollywood-Schönling, zeigt, dass er auch in ernsten Rollen voll überzeugt. Paul merkt man an, dass er unzufrieden ist und ich wollte ihm in einer Szene Trost spenden, nur um gleich darauf verständnislos den Kopf zu schütteln, wenn seine Bitterkeit durchschlägt und er zum Giftzwerg wird. Im Verlauf des Films hat er zu kämpfen und sein Charakter offenbart gleichermaßen glaubwürdig wie gruselig dunklere Züge, die den sympatischen „Verlierer“ vom Anfang fast völlig vergessen lassen. Am Ende merkt man, dass „Big Fan“ in seiner Erzählung ein komplexer Charakter zugrunde liegt, der schon weit vor der Eröffnungsszene Probleme hatte und diese auf seine Weise zu verdrängen versucht. Die Kritik am überambitionierten Fantum ist dabei der Zusatz, der dem Film noch eine kleine Besonderheit mitgibt.

Virgin Mountain (Fúsi)

Drama | Island / Dänemark 2015 | 93 Min | R&D: Dagur Kári | Kino / deutsch

Runde 4000km östlich von New York liegt Reykjavík, wo Fúsi lebt. Fúsi ist 43, übergewichtig und wohnt überraschenderweise bei seiner Mama, er hat überraschenderweise kaum Freunde und keine Freundin und arbeitet am Flughafen als Gepäckverlader, wo er zu allem Überfluss von seinen Arbeitskollegen gemobbt wird. Allein die frisch hinzugezogene kleine Nachbarstochter scheint mit ihm sprechen zu wollen, und weil das mit der nichtvorhandenen Freundin so nicht weitergehen kann, bekommt Fusi vom Freund seiner Mutter zum Geburtstag einen Tanzkurs geschenkt, bei dem er alsbald auch eine nette Dame namens Sjöfn kennenlernt.

Soweit, so klischeehaft. Was „Virgin Mountain“ aus dieser Prämisse aber macht, das ist ganz großes Kino. Das Klischee wird genommen, nochmal kräftig aufgepustet und dann zu einem wahren Kleinod geformt, bei dem vom klischeebehafteten Charakteren und Storywendungen nicht mehr viel übrig bleibt. Da sind schon allein die vielen, ganz tollen Bilder und die Farbgebung, die die isländische Schwermut in einzelnen Einstellungen schon fast poetisch rüberbringen. Da sind die trotz des Dramaschwerpunkts durchaus vorhandenen, gar nicht so seltenen spaßigen Szenen und Dialoge, die das ganze auflockern. Da sind die kleinen Szenen, die Fúsis Situation wortlos und damit umso eindrücklicher beschreiben. Da ist die Handlung, die nach „Kennt man schon“ klingt, die aber nie in die Falle tappt, Richtung Hollywood abzubiegen. Da ist die Schlusseinstellung, die alles kommentiert und die ich ganz fantastisch finde.

Und dann ist da Fúsi selbst, grandios gespielt von Gunnar Jónsson. Dieser liebenswürdige Berg von Mann, der schon in der allerersten Einstellung mit lethargisch-sehnsüchtigem Gesichtsausdruck auf seinem Kofferwagen herumfährt. Der mit kaputtem und schmuddligem T-Shirt am Küchentisch sitzt und seine Schokoflakes in sich hineinlöffelt. Dessen Leben straff mittelmäßig und von Routine geprägt ist. Der ebenfalls bekannter Radioanrufer ist. Der sich für Geschichte und den 2. Weltkrieg interessiert und eine riesige Militärszenerie im Wohnzimmer aufbaut.
Und der einen Freund hat, der dieses Hobby mit ihm teilt. Denn Schwarz-Weiß ist in „Virgin Mountain“ nichts. Es gibt durchaus Personen, mit denen Fúsi klar kommt, mit denen er verkehrt, die wenigstens nicht böse zu ihm sind. Und Fúsi selbst wirkt auch nicht völlig unzufrieden mit seiner Situation. In subtilen Szenen erkennt man aber, dass er bestimmte Wünsche hat und ihm zum Glücklichsein doch noch etwas fehlt. Ansonsten erträgt er aber alles um sich herum mit stoischem Gesichtsausdruck, was die Mitmenschen aber nicht davon abhält, sich auf die eine oder andere Art in sein Leben einzumischen. Und so schafft es „Virgin Mountain“ , seinen Hauptcharakter realistisch auszuformen und ihn auf die Suche nach dem zu schicken, was noch fehlt. Gleichzeitig wird aber auch denjenigen der Spiegel vorgehalten, die zu den vermeintlich „Normalen“ gehören oder gehören wollen und glauben, das universelle Rezept zum Glücklichsein zu haben.
So hat mich „Virgin Mountain“ zum Lachen gebracht und zum Kloßimhalswegschlucken, zum Nachdenken bewegt, mit Fúsi mitfühlen lassen und mich die wunderbaren Bilder bewundern lassen. Der Score tut sein Übriges dazu, um eine ganz besondere, den nordischen Filmen oft so eigene Stimmung zu schaffen.

Fazit

Big Fan“ und „Virgin Mountain“ zeigen, wie unterschiedlich man mit einer beinahe identischen Ausgangsidee umgehen kann. Sie zeigen auch, wie unterschiedlich zwei beinahe identische Protagonisten wirken und sich entwickeln können. Während „Big Fan“ ein paar Schwächen in seiner Handlung offenbart, ansonsten aber allemal interessant und bei weitem nicht schlecht ist, hat mich „Virgin Mountain“ sowohl von seiner Umsetzung als auch von seiner Geschichte vollkommen überzeugt. Wenn man ein Herz für die vermeintlichen Loser dieser Welt hat, kann man sich ohne weiteres beide Filme angucken. Will man aber die absolute Gefühlsachterbahn fahren, dann sollte man die Chance nutzen und noch schnell „Virgin Mountain“ im Kino gucken. Für mich ist das eines der Highlights des deutschen Kinojahres und mit Sicherheit nicht der letzte Film aus Island.

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