Snowpiercer (Seolgugyeolcha) | Film

They’ve got no bullets!
– Edgar

Mir war mal wieder nach Weltzerstörung. „Snowpiercer“ hörte sich für diesen Plan geeignet an: Die Reise der letzten Überlebenden in einem Zug auf der Erde, weil sich die Menschheit durch Dummheit einmal mehr hart an die Grenze zur Extinktion gebracht hat, denn dank dem Einsatz von Chemiekalien ist es zu einer lebensfeindlichen Eiszeit gekommen. Der Zug ist das einzige, was ein paar Hundert Seelen davon abhält, Eis am Stiel zu werden. Was nach launigem Sci-Fi in einer postapokalyptischen Welt klingt, hat sich jedoch als wahre Mogelpackung entpuppt, für die ich allerdings jederzeit wieder ein Ticket ziehen und in der ersten Klasse platznehmen würde. Hier mein Reisebericht aus dem Snowpiercer, bei dessen Fahrt ich ordentlich durchgeschüttelt wurde.

Denn was da als düsterer Science-Fiction anfängt, entpuppt sich alsbald als nachdenklich machender und höchst aktueller Kommentar auf die gesamte Menschheit und Regisseur Bong Joon-Ho ist sich nicht zu schade, ein Feuerwerk an bizarren Einfällen abzufeuern und die schlichte Prämisse ganz fantastisch zu kaschieren. Denn die Handlung von einem Zug, in dem im hinteren, schmuddligen Teil der zahlenmäßig dominante Pöbel haust und hungert, während vorne die wenigen Reichen in Saus und Braus leben, klingt nun wirklich nicht innovativ. Und man kommt auch schnell auf den Trichter, dass „Snowpiercer“ in Sachen Realismus nicht das Wahre ist. Allein das Setting in einem Zug, der die Überlebenden über die Erde kutschiert, klingt wahrlich nicht plausibel.

Aber: Darauf kommt es dem Film nicht an. Bong nimmt die Handlung nur als Grundlage, um auf begrenztem Raum mal eben so eine komplette Gesellschaftsdynamik zu simulieren und grandios zu visualisieren. Ich hatte nach einer halben Stunde meine Trauer darüber, dass ich wohl nicht Zeuge einer realistischen Zukunftsvision werde, abgelegt und stattdessen in jeder Szene gebannt gewartet, was Bong wohl als nächstes aus dem Hut zaubern würde. Denn „Snowpiercer“ ist ein Film, der einem eine Zweitsichtung nur so aufdrängt, so viele Hinweise und Querverbindungen sind in Aussage und Handlung versteckt. Da trifft die rebellierende Unterklasse, angeführt von Curtis (Chris Evans), ziemlich schnell auf Oberklassekämpfer, doch bevor der Kampf beginnt, filetieren letztere zunächst in aller Ruhe genüsslich einen Fisch, auf dem Curtis dann auch noch ausrutscht. Kleine Kinder werden aus der niederen Klasse nicht nur entführt, sondern vorher exakt vermessen. Auffällig vielen Personen fehlen Gliedmaßen. „Snowpiercer“ steckt voller solcher bizarrer Szenen und Bilder, die zunächst keinen Sinn zu ergeben scheinen. Nach dem Abspann fing mein Gehirn jedoch sofort an, sämtliche dieser Brotkrumen gedanklich zu suchen und zu sortieren. Denn kaum etwas hat grundlos seinen Weg in die Handlung oder ins Bild gefunden, hinter jedem kleinen Detail verbirgt sich etwas, was zum Gesamtbild beiträgt, mitunter aber erst später Sinn ergibt. Schon damit beschäftigt mich der Film nachhaltig bis jetzt und je länger ich über ihn nachdenke, desto besser gefällt er mir.

Aber auch die Reise der Aufständler durch den Zug selbst ist nur so gespickt vor surrealen Bildern und Ideen. Die Gruppe will zur Spitze des Zuges gelangen, um die Antriebsmaschine unter Kontrolle zu bringen und der aufgezwungenen Klassengesellschaft so ein Ende zu bereiten. So kämpfen und metzeln sie sich von Waggon zu Waggon nach vorne und je näher sie ihrem Ziel kommen, desto absurder wird das Gesehene. Nicht nur kommen so die unterschiedlichsten Filmstile pro Waggon zum Vorschein (Von Thriller über Abenteuer bis Satire war da für mich alles herauszulesen), auch die Filmaussage wird nach und nach zusammengepuzzlet. Mich hat das alles vom Aussagegehalt ein wenig an die „Matrix“ -Trilogie erinnert, in der es auch um die Gesellschaft an sich geht. Währenddessen spielt die Fülle an optischen und inhaltlichen Ideen in einer Liga mit Park Chan-wooks grandiosem „Oldboy“ . Von letzterem kamen mir auch die eingestreuten, eigentlich nicht so recht ins düstere Bild passenden und reichlich überdrehten Charaktere bekannt vor. Allen voran Tilda Swinton als quietschbunt gekleidete und an eine Comicfigur erinnernde Ministerin, die als einzige der Oberklasse regelmäßig den hinteren Zugteil aufsucht und nicht müde wird, den armen Seelen ihr vorherbestimmtes Schicksal zu souflieren, kann sich hier voll austoben, dass es eine Freude ist. Aber auch hier wieder: Die Figur, ihr Aussehen und ihr Verhalten sind nicht frei von Kommentar, der sich erst richtig offenbart, wenn man ihn ihm Kontext des Zuges liest. So formt „Snowpiercer“ eine allegorisches Bild, welches der heutigen Zeit in all seinen Facetten den Spiegel vorhält.

Fazit

Snowpiercer“ ist weder glaubwürdiges Science-Fiction noch Dystopie und er nimmt die Apokalypse lediglich als Aufhänger. Und auch seine Aussage ist nichts, was man noch nie gehört hätte. Wie er jedoch dahin kommt, das ist einerseits durch fantastische Bilder und Einfälle einfach ganz große Unterhaltung. Andererseits wirkt der Film gewaltig nach, weil man erst nach und nach alle gezeigten Szenen, die Verhaltensweisen der Charaktere und das Gesagte in eine Ordnung bringen kann. So ergibt „Snowpiercer“ für mich einen detailreich ausgestaltetes Gesamtbild, bei dem ich mir sicher bin, dass bei einer Zweit-, Dritt- und Viertsichtung immer noch viele kleinere und größere Aspekte hinzukommen, die das Bild noch runder machen.
Ein ganz toller Film, den man gesehen haben sollte.

gesehen: Blu-ray / englisch

Wiederschaupotential: garantiert

Lieblingscharakter: Teacher (Alison Pill).
Lieblingsszene: Das Lied über Wilford.

Eckdaten

Genre: Drama / Gesellschaftskritik / (Science-Fiction)
Herkunftsland: USA / Südkorea
Eckdaten: 2013 / 126 Min / FSK 16
Regie: Bong Joon-Ho
Drehbuch: Bong Joon-Ho | Jacques Lob / Benjamin Legrand / Jean-Marc Rochette (Comicvorlage)

Andere Meinungen

Der Kinogänger (8/10) / Filmherum (3,5/5) / Infernal Cinematic Affairs (8,5/10) / Jacker’s 2 Cents (10/10) / Medienjournal (8/10) / Miss Booleana / Singende Lehrerin (10/10) Tonight is gonna be a large one (8/10)

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