The Shield – Gesetz der Gewalt

Wenn man mal genug von Fingerabdrucksoftware, Fusselanalyse oder sonstigem immergleichen Hochglanz-CSI-Serieneinerlei hat, dann gibt es ja zum Glück inzwischen eine ganze Reihe von unkonventionellen TV-Produktionen, die spannende Geschichten über ganze Staffeln erzählen. Die altbekannten Charaktere der immerguten Gesetzeshüter, die sich selbstlos aufmachen, um das Böse glorreich und streng nach Vorschrift hinter Gitter zu bringen, werden abseits vom „Tatort“ ebenfalls seltener. Von daher mag „The Shield“ heutzutage nicht mehr ganz so innovativ sein. Das Aufweichen von bekannten Stereotypen treibt diese Serie allerdings nach vorne wie kaum eine andere.
Oder um es mit dem Protagonisten Vic Mackey zu sagen:

„Good cop and bad cop left for the day. I’m a different kind of cop.“

Drei von vier Höllenhunden: "Lem" (Kenny Johnson) und Shane (Walton Goggins) hören auf Vic  | Quelle: DVD The Shield
Drei von vier Höllenhunden: „Lem“ (Kenny Johnson) und Shane (Walton Goggins) hören auf Vic | Quelle: DVD The Shield

The bunch at „The Barn“
Im fiktiven Farmington, einem District von Los Angeles, liegt die zur Polizeistation umgebaute Kirche [sic!], die alle nur „The Barn“ nennen. Dort haben die allermeisten Hauptcharaktere der Serie ihren Arbeitsplatz. Im Mittelpunkt steht dabei das Strike Team, eine Sondereinheit, die auf Gang- und Drogenkriminalität spezialisiert ist. Im Kern besteht sie aus ihrem Anführer Vic Mackey und den Detectives Shane Vendrell, Ronni Gordocki und Curtis Lemansky. Stets in Straßenklamotten unterwegs, sind diese vier seit Jahren eng verbunden und lassen kaum etwas von außen an sich heran.
Daneben haben auch „normale“ Cops alle Hände voll zu tun, um den Verbrechen in Farmington Herr zu werden. Dazu gehört der scharfsinnige, aber desöfteren über sein riesiges Ego stolpernde und dann ins Fettnäpfchen tretende Ermittler Holland „Dutch“ Wagenbach und seine scheinbar nichts aus der Ruhe bringende Partnerin Claudette Wyms. Eine Handvoll Streifenpolizisten und der karrieregeile Captain David Aceveda runden den bunten Mix der Strafverfolgungsbehörde ab.

All diese Charaktere werden von den Schauspielern teils gruselig glaubwürdig verkörpert und man erkennt die Persönlichkeiten sofort. Spätestens ab Ende der ersten Staffel kann jeder Charakter mit einzelnen Gesichtsausdrücken und Blicken spielen und man weiß sofort, was es zu bedeuten hat. Das sorgt dann auch für eine starke Bindung zwischen Zuschauer und Charakter. Die Bindung erzeugt Gefühle und diese sind letztendlich entscheidend, um eine unterhaltsame Serie großartig zu machen.

Blut und Drogen in LA
Ebenso abwechslungsreich wie im Revier geht es in Farmington selbst zu. Nicht nur die diversen Gangs stehen in permanentem Konflikt, auch Einzelpersonen jedweder Couleur haben Interessen und Probleme. Der Mischmasch aus Schwarzen und Weißen, Südamerikanern, Albanern und Asiaten sorgt für dauerhaften Stress, wie ihn „L.A. Crash“ nur ansatzweise darstellt. Es geht immer um Geld, Drogen und Mord und nicht selten müssen die Polizisten in der nahen Umgebung der Opfer suchen, um den Täter zu finden.

LA bietet dabei die ideale Szenerie: Farmington ist der Prototyp eines armem Problembezirks, in dem die unterste Unterschicht der Gesellschaft haust. Ab und zu durch den Besuch von wohlhabenderen Gestalten beehrt, sind die dreckigen Straßen und Häuserzüge die ideale Umgebung, um schäbige Geschäfte abzuwickeln und den Gangs einen geeigneten Platz für ihre Rivalitäten zu bieten. Drogen liegen quasi offen auf der Straße, jeder Einwohner scheint mindestens eine Schusswaffe im Hosenbund zu tragen und das Geld wechselt mal mit Gegenwert, mal mit einseitiger Gewalt den Besitzer.

Die gesamte Welt wird sehr detailliert und real dargestellt. Der Dreck trieft aus allen Poren der Szenen, die Charaktere sprechen die verschiedensten Slangs, Gangs haben ihre Zeichen und Klamotten und auch die Nebencharaktere handeln allesamt glaubwürdig. Das alles wirkt wie aus einem Guss. Festgehalten werden die Bilder im Dokustil mit mobiler Kamera, die auch gerne mal hinter einer Ecke hervorfilmt oder zusammen mit einer Meute von Polizisten eine Drogenhochburg stürmt.
Die Gewalt wird teils explizit dargestellt.

Über Dutchs  (Jay Karnes, l.) Thesen kann sich Claudette (CCH Pounder) manchmal nur wundern | Quelle: DVD The Shield
Über Dutchs (Jay Karnes) Thesen kann sich Claudette (CCH Pounder) manchmal nur wundern | Quelle: DVD The Shield

Schnelle Erfolge und große Schlachten
Das Resultat, wenn Strike Team, Detectives und Streifenpolizisten auf diesen Schmelztiegel losgelassen werden, ist ein Feuerwerk an teils kuriosen, oftmals traurigen und so gut wie immer blutigen Fällen, die aufgearbeitet werden wollen. Der Fokus liegt dabei auf den Mitgliedern des Strike Teams, die sich nur dann um Vorschriften kümmern, wenn es für sie von Nutzen ist. Ansonsten hat vor allem Vic Mackey seine eigenen, oftmals im Konflikt mit offiziellen Dienstvorschriften stehenden Methoden, um Fälle zu klären und Vorteile für sich und seine Freunde zu gewinnen. Das Strike Team hat es sich zur Aufgabe gemacht, den gemeinen Kriminellen klar zu machen, dass allein die Polizeimarke die Macht auf der Straße sichert. Diese Ansicht wird ohne Rücksicht auf physische Schäden durchgesetzt. Dass dabei das ein oder andere krumme Ding gedreht wird, wird ab der ersten Folge offensichtlich: kleine Fische werden geopfert, Drogen abgezweigt und anderweitig verteilt, Leute bestochen, geprellt und gegeneinander ausgespielt, damit sich das Schicksal zu Gunsten des Strike Teams wendet. Die Belohnung sind bei den Vorgesetzten großartig ankommende Verhaftungen ebenso wie der im eigenen Portemonaie ankommende ein oder andere Dollar.

Das bringt natürlich immer wieder andere Antagonisten auf den Plan, denen dieses Treiben nicht passt. Neben südamerikanischen Drogenhändlern, weiblichen Mafiabossen, Menschenschiebern und Hehlern finden die Jungs des Strike Teams auch im Umgang mit Vorgesetzten und vor allem der Dienstaufsicht eine Herausforderung. Da auch die Mitarbeiter nicht dumm sind, bleiben die Machenschaften auch ihnen nicht verborgen. Aus diesem Grund müssen sich Vic, Shane & Co. nicht nur mit Unterweltbossen, Straßendealern und dergleichen rumplagen. Auch die Polizei kommt ihnen immer wieder in die Quere. Dies insbesondere in Gestalt von Wyms und Wagenbach, denen die Haudraufs persönlich und moralisch ein Dorn im Auge sind. Diese beiden sind darüber hinaus mit ihren eigenen Fällen beschäftigt. Während die Handlung um das Strike Team den Spannungsbogen über die gesamte Staffel und darüber hinaus hält, sind die Fälle des denkenden Paares innerhalb von einigen Episoden gelöst. Wagenbach und Wyms spielen ihr Ermittlertalent insbesondere bei der Jagd nach Serienkillern und Psychopathen aus, bei denen reine Muskelkraft oftmals nicht ausreicht und bei denen man nur hoffen kann, dass die menschlichen Abgründe, die sich die Scriptschreiber für die Täter ausgedacht haben, in der Realität kein Vorbild haben. Kleinere Episodenfälle beschäftigen dann die Officer auf der untersten Ebene. Aber auch die oberen Stellen in der Befehlsstruktur haben ein Auge auf das Strike Team, wenn auch nicht immer in der Absicht, dessen Verhalten zu unterbinden.

In „The Shield“ werden all diese Geschichten zu einem großen Ganzen verwoben, in dem kaum Platz zum Luftholen bleibt. Ist ein Strang zu Ende, geht es sogleich mit dem nächsten weiter, während die dritte Geschichte schon anrollt und der erste Strang dann doch wieder irgendwie auftaucht. Insoweit hat die Serie starke Ähnlichkeiten mit der „Grand Theft Auto“-Serie, aber auch die Thematik und das Setting stammen 1:1 aus „GTA – San Andreas“.

Alles hat Konsequenzen und Einfluss auf die anderen Stränge. So kann man insbesondere in den späteren Episoden als Zuschauer hautnah erleben, was für ein Stress das Strike Team hat, alle Fäden in den Händen zu halten und nicht den Überblick über die Verflechtungen und Probleme zu verlieren. Scheint der erfolgreiche Abschluss einer Ermittlung oder die Beseitigung eines unliebsamen Problems kurz bevor zu stehen, kann man fast sicher sein, dass ein anderer Charakter querschießt, um sich selbst zu retten oder in dem Glauben handelt, das Richtige zu tun. Man muss den Schreibern großen Respekt zollen, dass sie es geschafft haben, sämtliche Handlungsstränge glaubhaft zu ende zu führen. Der Lohn ist pausenlose Spannung über die gesamte Serienlänge. Eigentlich gibt es keine Folge, in der gar nichts passiert oder die gar langweilig wäre.

Vic Mackey (Michael Chiklis) bei der "Polizeiarbeit" | Quelle: DVD The Shield
Vic Mackey (Michael Chiklis) bei seiner Version der Polizeiarbeit | Quelle: DVD The Shield

What would Jesus do?
Neben der Spannung bietet „The Shield“ noch eine zweite Ebene, durch die die Serie heraussticht und die sie so großartig macht: Es gibt in Farmington keinen einzigen Gesetzeshüter, der eindimensional ist. Jeder, wirklich jeder Cop hat – mal mehr, mal weniger mal viel, mal weniger viel – Dreck am Stecken, persönliche Schwächen und seine dunklen Seiten. Andererseits versucht auch jeder zumindest zeitweilig, das Richtige zu machen. Daraus ergeben sich unentwegt Situationen, in denen man am Überlegen ist, was man selbst tun würde, wäre man dieser Charakter. Muss man einem Täter erst sein Recht auf einen Anwalt gestatten, anstatt mit etwas physischem Nachdruck das Versteck des vielleicht noch lebenden Opfers herauszufinden? Darf man dem Kleinkrimiellen ein Tütchen Dope unterjubeln und ihm dann mit dem Kittchen drohen, damit er aus Angst einen größeren Fisch verrät? Ist das Decken eines nicht vorschriftsmäßigen Vorgehens durch einen anderen Cop eine kollegiale Pflicht oder einfach Rechtsbeugung? Die Handlungen der Charaktere strotzen nur so vor moralischen Dilemmata, die diesen selbst allerdings oft nicht als solche vorkommen. Wie im wirklichen Leben erscheint es oft zwar fragwürdig, aber letztendlich zielführender, geltendes Recht nicht zu beachten und stattdessen praktikabel zu handeln. So verschwimmt nicht nur die Grenze zwischen Gut und Böse. Auf allen Seiten gibt es Personen, die ehrenwerte und verabscheuungswürdige Interessen vertreten und diese wiederum mit „akzeptablen“ Methoden oder aber ohne Rücksicht auf Verluste zu erreichen versuchen. Dadurch springen die Gefühle für sie im fünf Minuten Takt von Hass zu Sympathie zu Mitleid zu Abscheu und wieder zurück.

Je näher sich der Charakter dabei im Umfeld des Strike Teams befindet, desto stärker werden diese Ambivalenzen. Das gipfelt im Held-Antiheld-Status von Vic Mackey, dem man für die Rettung eines kleinen Mädchens vor einer Vergewaltigung zuerst auf die Schulter klopfen möchte, im nächsten Moment aber nur erstarrt ist ob seiner Skrupellosigkeit, weil der potentielle Vergewaltiger mit gebrochener Nase dasitzt. Die brachiale Gewaltanwendung scheint sein Mittel dann zu sein, wenn es gegen offensichtlich böse Buben geht. Dass er seine Erfolge als Legitimation für das Erlangen eigener Vorteile heranzieht, macht die Sache noch komplexer. Und dass vor allem bei ihm auch noch die Familie eingearbeitet wird, verstärkt das Spannungsfeld nur noch.

Fazit
Spannende Fälle, viel Action, das oft auf der Strecke bleibende Gewissen, eine abwechslungsreiche Location und unglaublich interessante Charaterzeichnung. Das alles sind Zutaten, die „The Shield“ zu einer der unterhaltsamsten Krimiserien machen, die ich bisher sehen durfte. Wer nichts gegen eine Wackelkamera hat und des Englischen auch bei fiesestem Slang mächtig ist, der kommt darum eigentlich kaum herum. Der Spannungsbogen steht in jeder Staffel auf konstant hohem Niveau, einen wirklichen Ausreißer nach oben oder unten gibt es weder bei Staffeln noch einzelnen Episoden.
Deshalb gibt es von mir 9.5/10 Punkten.

Eckdaten
Kategorie: Krimi, Polizei, Drama, Action
Produktion: 2002-2008
Produziert für: FX Network
89 Episoden in 7 Staffeln
Laufzeit pro Folge: ca. 42 Minuten

8 Kommentare

  1. Schnell ganz nach unten gescrollt, um ja keine Spoiler zu lesen. Ich habe gestern die 6. Staffel beendet und demnächst ist das Finale dran. Bin schon ganz gespannt und werde mir danach deinen Artikel zu Gemüte führen.

    1. Genau aus dem Spoilergrund habe ich mich entschieden, meine Meinung über die Serie allgemein zu halten anstatt über einzelne Staffeln zu schreiben. Daher tauchen in meinem Beitrag weder Storyteile oder -wendungen noch Charaktere auf, die man nicht schon aus der ersten Staffel kennen würde.
      Das Lesen ist also absolut ungefährlich. Selbst die Screenshots stammen höchstensa aus der dritten Staffel ;).

  2. Jetzt habe ich deinen Artikel auch komplett gelesen – und du hattest Recht, es waren gar keine Spoiler dring. Schade eigentlich… 😉

    Dennoch eine wirklich treffende Beschreibung dieser herausragenden Serie!

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