The Sopranos Staffel 1 | Ersteindruck

Is everybody in my life bananas or what!?
– Tony Soprano

Ich mag Mafia-Stories. Und ich mag serielle Erzählungen. Insoweit ist es schon einigermaßen erstaunlich, dass ich erst 15 Jahre nach dem Erscheinen der ersten Staffel mit „The Sopranos“ in Berührung gekommen bin. Zumal sie allenthalben zu dem Serien-Kanon gezählt wird, der in diesem Medium Trends gesetzt hat und qualitativ heraussticht. Nach den ersten Folgen kann ich jetzt sagen, dass letzteres auf jeden Fall zutrifft.
Dennoch ist nach dem Staffelfinale auf der Bewertungsskala noch genug Raum nach oben.

Dr. Melfi, die Ärztin, der die Mafiosi vertrauen. Tony verbringt jede Woche eine Sitzung bei ihr. | Quelle: The Sopranos Staffel 1 DVD
Dr. Melfi, die Ärztin, der die Mafiosi vertrauen. Tony verbringt jede Woche eine Sitzung bei ihr. | Quelle: The Sopranos Staffel 1 DVD

Dabei war ich nichtmal wirklich enttäuscht zumal man schon durch den Serientitel hätte vermuten können, wohin die Reise geht. In „The Sopranos“ stehen nämlich nur scheinbar zwei Familien im Vordergrund, die vor allem durch Protagonist Tony Soprano verbunden sind. Und er hat beileibe nicht nur mit Mitmafiosis und Gegnern, Geschäft und der Strafverfolgung in seiner Eigenschaft als Boss von la familia zu kämpfen. Dass sich Tony in psychatrische Behandlung begibt, liegt mindestens ebenso sehr an seiner leiblichen Familie, denn mit seinen Kindern, seiner Frau Carmella und nicht zuletzt Mutter Soprano gibt es genug seelisches Konflikpotential, was aufgearbeitet gehört. Dabei hilft ihm Psychaterin Dr. Melfi tatkräftig, deren ambivalentes Verhältnis zu ihrem Patienten in Sachen Storyentwicklung noch Großes verspricht. Überhaupt scheint es gerade das weibliche Geschlecht zu sein, das Tony beschäftigt. In jeglicher Hinsicht.

So ist „The Sopranos“ weniger Mafiakrimi oder spannender Thriller als ein Charkterdrama. Sehr vieles ist in der Serie auf den Charakter Tony Soprano zugeschnitten, was einerseits dafür sorgt, dass nach und nach ein ziemliche komplexes Bild von ihm gezeichnet wird. Andererseits hatte ich teilweise den Eindruck, dass die Handlung allzu offensichtlich darauf ausgerichtet ist und hätte mir gewünscht, dass die Mafiageschichten noch ein wenig mehr in den Vordergrund gerückt wären. Dazu kommt, dass die Mafia-Handungsstränge in ziemlich schneller Folge auftauchen und ebenso schnell wieder fallengelassen werden, was auch für so einige Charaktere gilt. Das alles hat zwar irgendwie Auswirkungen auf Tonys Seelenheil, eine flüssige Handlung konnte durch diese kurzen Storyteile aber nicht wirklich entstehen. Und auch tatsächlich halten sich die Folgen für Tony erstmal in Grenzen, wenn Komplotte aufgedeckt werden oder Personen verschwinden. Da die Serie aber über weitere 6 Staffeln geht und immer wieder als Vorbild des seriellen Erzählens genannt wird, hoffe ich stark, dass viele Handlungsstränge später wieder aufgegriffen werden und die erste Staffel insoweit hauptsächlich nur der Grundsteinlegung dient.

Denn insgesamt hatte ich großen Spaß in New Jersey dank der vielen unterhaltsamen, wenn auch teilweise hart an der Klischeegrenze gezeichneten Charaktere, des schwarzen Humors und auch der Inszenierung. Optisch sieht man der Serie ihr Alter und ihre TV-Herkunft manchmal an, dafür gibt es aber auch immer wieder großartige Szenen, die so aus einem Mafiafilm-Klassiker stammen könnten.

FAZIT

The Sopranos“ hat mich in der ersten Staffel durch ihre Genre-Schwerpunktsetzung etwas auf dem falschen Fuß erwischt, dann aber doch sehr gut unterhalten. Wenn sich die Handlung mit ihren vielen, vorerst oft folgenlos gebliebenen Anrissen etwas beruhigt, dann werde ich mit diesem fein ausgearbeiteten Drama auch in nächster Zeit meine Freude haben.
Von mir gibt es 8/10 Punkte.

EIGENSCHAFTEN

  • drama-lastig
  • etwas hektische Handlungsstrangwechsel und -anrisse
  • interessante Charaktere
  • dialoglastig
  • zum Teil filmreife Inszenierung

gesehen: DVD / englisch mU
Genre: Drama / Mafia
Länge: 13 Episoden à 45-55 Minuten

5 Kommentare

  1. Ich fand die Serie auf Anhieb gleich etwas gelungener, doch hast du die Highlights eindeutig noch vor dir. Es ist übrigens typisch für die Serie, dass viele Handlungsstränge vorerst in den Hintergrund treten und erst später wieder aufgenommen werden — oft auch unvermittelt.

    1. Das mit dem Salat aus diversen Handlungssträngen kenne ich bereits aus „The Wire“. Aber dass man diese Erzähltechnik hier nochmal eine Ecke ausbaut, war doch etwas überraschend. Inzwischen bin ich ein Stück weit in der zweiten Staffel und merke, dass es nicht unbedingt besser wird. Andererseits habe ich mich aber jetzt doch schon fast daran gewöhnt, dass Protagonisten und Handlungen einfach verschwinden. Solange Paulie und Silvio möglichst lange erhalten bleiben, halte ich das wohl aus 😀

  2. Ich mochte „The Sopranos“ auch sehr gern. Ich fand gerade die Beziehung zwischen Dr, Melfi und Tony sehr spannend bzw. herausragend. Die restlichen Staffeln sind auch sehr gut gemacht, aber können nicht mehr das hohe Anfangsniveau halten. Übrigens gibts für Silvio eine Art Spinoff mit der Serie „Lilyhammer“,

    1. Ich bin aktuell am Anfang der 5. Staffel. Seitdem ich akzeptiert habe, worum es der Serie geht, hat sie für mich dazugewonnen. Seitdem kann ich den verschiedenen Charakterbeziehungen mit Freude folgen und die episodenweise manchmal zweckmäßige Story verzeihen. Die Dr. Melfi-Thematik ist in der Tat spannend.

      „Lilyhammer“ habe ich erst kürzlich auf ARTE verpasst, werde es mir nach den „Sopranos“ aber auch noch anschauen.

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