The Sopranos | Serie

„What am I, a toxic person?“
– Tony Soprano

Ich bin zurück aus New Jersey. Es war schön dort. Landschaftlich zwar nicht erste Sahne, aber ich habe eine Menge interessanter Leute kennengelernt. Nicht alle von ihnen waren nett, aber ich habe jetzt das Gefühl, dass ich viele von ihnen wie ein Familienmitglied kenne. Dabei war ich anfangs noch etwas skeptisch, denn ihr Lebenstil wurde mir nicht besonders aufregend erzählt. Nach all der Zeit dort kann ich jedoch viele der neuen Bekanntschaften lesen wie ein Buch, sie analysieren und ich glaube ihre Sehnsüchte zu kennen. Und darum geht es schließlich in „The Sopranos„.
[HINWEIS: DIE REZENSION IST SPOILERFREI]

Die Praxis von Dr. Melfi ist für Tony Ruheort und Folterkammer zugleich. | Quelle: "The Sopranos"-DVD / HBO
Die Praxis von Dr. Melfi ist für Tony Ruheort und Folterkammer zugleich. | Quelle: „The Sopranos“-DVD / HBO

Wie gesagt war der Einstieg in die Serie für mich etwas holprig. Ich hatte mehr mit Mafiamachenschaften als Fokuspunkt gerechnet. Die kamen auch, jedoch fast schon zweckmäßig und merkwürdig abgehackt. Dass die Serie weitaus mehr als Drama denn als spannungsgeladener Mafiakrimi funktioniert, darauf konnte ich mich erst vollends mit der dritten oder vierten Folge der zweiten Staffel einlassen. Dann aber war es ganz fantastisch, welch Charakterstudie da in Form von Tony Soprano (James Gandolfini) über den Bildschirm tobt.

Tony und die Familie

In Tonys Leben gibt es zwei Familien. Die eine besteht aus seiner Frau, Töchterchen und Sohnemann und im weiteren Kreis aus seiner Mutter, seiner Schwester und seinem Onkel. Schon mit ihr hat der Protagonist seine liebe Not, denn egal wer von ihnen was macht, es betrifft und beschäftigt Tony immer.
Wodurch er aber erst so richtig ins Schleudern gerät, das ist la familia. Ganz klischeehaft im „Entsorgungsgewerbe“ tätig, steht Tony faktisch einer ganzen Mafiafamilie vor und hat alle Hände voll zu tun, sowohl seine Mitarbeiter als auch die Konkurenz zufrieden zu halten.

Blutbefleckt, an einen Stuhl gefesselt und Tony Soprano im Nacken. Zeit für ein Gebet! | Quelle: "The Sopranos"-DVD / HBO
Blutbefleckt, an einen Stuhl gefesselt und Tony Soprano im Nacken. Zeit für ein Gebet! | Quelle: „The Sopranos“-DVD / HBO

Die Mafiamitgliedschaft ist dabei ein geschicktes Setting und für die Intention der Serie ganz hervorragend gewählt. Denn kaum etwas ist traditioneller, patriachatischer, verschwiegener und brutaler als das organisierte Verbrechen, und so hat man schon dadurch eine ganze Geröllhalde voll emotionalem Ballast, der auf Tonys Seele lasten kann. Die Doppelmoral, die sich vor allem im Bezug auf Frauen und Gewalt zwischen den beiden Familien ergibt, kann ebenfalls nur zu moralischen Zwickmühlen führen.
Gefühle zu zeigen gilt in dieser Umgebung als Schwäche und Schwäche wird gnadenlos bestraft. Deshalb muss man um fünf Ecken im Voraus planen und darf nicht daran denken, irgendetwas Falsches zu sagen. Diese dauerhafte Nicht- und Fehlkommunikation – ausdrücklich in beiden Familien – kann einen Menschen früher oder später nur fertig machen. Und wenn dann auch noch Frauen im Spiel sind, wird es ganz hart.

Tony und die Frauen

Tony sieht früh ein, dass er Hilfe benötigt und sucht sie bei der Psychaterin Dr. Melfi. Seine Besuche dort sind ein regelmäßiger Bestandteil der Serie und weil die Praxis nahezu der einzige Ort für Tony ist, an dem er seinen Gefühlen freien Lauf lassen kann, lernt man ihn nach und nach besser kennen. Die Motivation für seine Verhaltensweisen offenbaren sich im Fortlauf der Sendung und erklären auch Sachverhalte, die bereits Staffeln zurückliegen und damals merkwürdig anmuteten. Ich bin sicher, dass Tony Soprano in so manch einer Psychologievorlesung eine Rolle spielt, denn ihn zusammenzupuzzeln, bis man die gesamte, fein ausgearbeitete Person vor sich hat, erfordert beim Zuschauen zwar einige Aufmerksamkeit, macht aber einen Heidenspaß.

Aber nicht nur Tony mit seiner Fixierung auf Frauen und Essen (ich habe noch keine Serie gesehen, in der so viel gegessen wurde) gehört zu den realistischsten und am besten ausgearbeiteten Charakteren der Seriengeschichte und ist mit seinen Selbstzweifeln und Sehnsüchten am Ende ein erschreckend normaler Mensch, den man bemitleidet, versteht, verabscheut, hasst und dem man gleichzeitig helfen und vor ihm flüchten möchte. Auch die anderen Charaktere haben ihr Eigenleben mitsamt Problemen, die früher oder später doch wieder mit Tony zu tun haben. Er ist unstreitig das Zentrum der Serie, um das alle Entwicklungen kreisen. Nichtsdestotrotz sind es gerade die Personen in seiner Nähe, die die traurigsten Schicksale ereilen.

Tony hat seine liebe Müh' und Not mit den Frauen in seinem Leben. Und kann dennoch nicht von ihnen lassen. | Quelle: "The Sopranos"-DVD / HBO
Tony hat seine liebe Müh‘ und Not mit den Frauen in seinem Leben. Und kann dennoch nicht von ihnen lassen. | Quelle: „The Sopranos“-DVD / HBO

Die Entwicklungen liegen dabei zuerst auf der Charakterebene, und das ist der Punkt, der für den etwas unrunden Start in die Serie sorgte. Denn auch die Story ist darauf ausgerichtet, was bedeutet, dass die Serie in dieser Hinsicht nicht allzu spanned ist. Zudem sind die Storystränge teils ziemlich kurz oder hören schlagartig auf, wenn sie ihren Sinn, ein neues Element zu Tonys Persönlichkeit oder einem anderen Charakter hinzuzufügen, erfüllt haben. Nachdem ich das jedoch akzeptierte und mich total auf die Dramaseite eingelassen hatte, konnte ich mich auch mit dieser „stotternden“ Erzählweise arangieren.

Tony und die Tiere

Denn spätestens dann war es eine Freude, all die Details in den Bildern und der Geschichte zu entdecken. Tony fühlt sich nicht ohne Grund für das Wohl eines Rennpferdes verantwortlich, es laufen nicht ohne Grund bestimmte Inhalte auf dem TV in einer bestimmten Szene und auch ganze Folgen, die scheinbar sinnlos eingestreut wurden, liefern immer neue Erkenntnisse über bestimmte Charaktereigenschaften der Beteiligten. Show Runner David Chase hat hier wahrhaftig einen bebilderten Roman geschaffen, der auf ein Ziel hinarbeitet und zugleich auch noch unterhalten kann. Wenn schon nicht durch hohe Spannung, dann doch durch den immer wieder auftauchenden Humor, der auch dank der stereotypen Charaktere im Mafiamileu nicht zu kurz kommt. Der stets missmutig dreinschauende Conciliere Silvio (ein großartiger Steven van Zandt) oder der ebenso einfältige wie jähzornige Paulie sind nur zwei Nebencharaktere, die für Erheiterung sorgen. Von Aida Turturro als Tonys Schwester Janice ganz zu schweigen, die als egozentrische drama queen mein Highlight in Sachen Humor darstellt.

Fazit

The Sopranos“ ist anders als anfangs gedacht. Die Serie ist ein verbilderter Roman mit einem Hauptcharakter, auf den das gesamte Projekt zugeschnitten ist. Dass das Werk nicht von Tony Soprano völlig erdrückt wird, sondern auch für die anderen Charaktere und auch den Humor noch genug Platz lässt, ist den Machern sehr hoch anzurechnen. Die Mafiageschichte hält sich zugunsten der Charakterzeichnung zwar im Hintergrund und wirkt mitunter sogar nur zweckmäßig, das ist jedoch schnell vergessen, sobald man sich zusammen mit Dr. Melfi ans Werk macht, die harte Schale von Tony abzupulen, um in dessen Seele zu blicken. Eine Serie, bei der sich das aufmerksame Schauen in jeder Sekunde lohnt und bei der jeder Hobbypsychologe voll auf seine Kosten kommt.

Von mir gibt’s 9.5/10 Punkte.

Gesehen: DVD / englisch mU

Eckdaten

Genre: Drama / Mafia
Show Runner: David Chase
Produktion: 1999 – 2007
Produziert für: HBO
86 Episoden in 6 Staffeln
Laufzeit pro Folge: zwischen 45-55 Minuten

5 Kommentare

    1. [EINE KLEINE SPOILERWARNUNG FÜR DAS FINALE]

      Ich wusste die Laufzeit der letzten Episode und habe immer auf die Zeitanzeige am DVD-Player geschielt, weil ich auf den großen Knall gewartet habe. Gerade die vor- und die drittletzte Folge versprachen ja ein Ende à la „Breaking Bad“ und ich dachte schon, dass da im Restaurant irgendein Charakter die Pistole zieht, der vielleicht am Anfang der ersten Staffel irgendwo eine Nebenrolle spielte und aus irgendeinem erwähnten Grund den Tony nicht mag. 😉
      So wie es endete war es aber großartig und im Ton der gesamten Serie, denn durch Zusammenhang zwischen Tonys besorgtem Gesichtsausdruck und der Berufswahl von Meadow kann man sich zusammenreimen, welche Frau die nächste große Belastung für Tony wird. So jedenfalls meine Interpretation. Das Finale hat mich sofort an „The Shield“ erinnert. Was die Nebencharaktere angeht, so hat sich auch da die Serie die Treue gehalten und sie relativ kurz abgefrühstückt. Aber auch das hat mich nicht gestört.

    1. Na schönen Dank auch für das Aufmachen dieser Tür. Ich habe gerade mal ein paar Minuten auf Youtube geschaut und gesehen, dass es da ja noch so einige Interpretationsmöglichkeiten gibt. Ich werde mir Deinen Link zu Gemüte führen. Beim ersten Überfliegen scheint sich derjenige ja so einige Gedanken gemacht zu haben.

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