The West Wing – Im Zentrum der Macht

Welche Institutionen sind in die Gesetzgebung eingebunden? Was für Aufgaben hat ein Vizepräsident? Wie funktioniert das Wahlsystem? Diese trockenen Fragen animieren zum konsequenten Fernbleiben bei Staatsrechtsvorlesungen und lassen PW-Schulstunden regelmäßig bis in die Unendlichkeit dauern. Schön wäre es, wenn man seine Allgemeinbildung in dieser Hinsicht quasi unbewusst erweitern könnte und gleichzeitig noch eine ordentliche Portion Humor und Drama bekommt. Doch das ist wohl ein frommer Wunsch.
Jedenfalls, solange man die hierzulande leider sträflich nichtbeachtete Serie „The West Wing“ aus den 2000ern noch nicht gesehen hat.

Präsident Bartlet (Martin Sheen) an seinem Arbeitsplatz. | Quelle: DVD The West Wing
Präsident Bartlet (Martin Sheen) an seinem Arbeitsplatz. | Quelle: DVD The West Wing

Die Charaktere: Hail to the Chief
„The West Wing“ erzählt aus dem Arbeitsleben einer fiktiven demokratischen US-Administration. Deren gewähltes Oberhaupt ist Präsident Josiah „Jed“ Bartlet (Martin Sheen), der durch seine liberale und idealistische Einstellung (und natürlich des Amtes wegen) nicht nur hohes Ansehen unter seinen Mitarbeitern genießt, sondern selbige sowie Familie und allerlei Freund‘ und Feind‘ desöfteren mit seinem Starrsinn zur Verzweiflung treibt.
Zu seinem engsten Mitarbeitern gehört der knorrige Leo McGarry (John Spencer, RIP), ein erfahrener Politiker, der in seiner Position als Chief of Staff die Fäden im Hintergrund zieht und Jed so den Rücken freihält. Außerdem fungiert er als Flaschenhals zwischen Präsident und dem sogenannten Senior Staff. Zu diesem gehören unter anderem Leos Stellvertreter Josh Lyman (Bradley Whitford), der grundpessimistische Communications Director Toby Ziegler (Richard Schiff) sowie dessen Stellvertreter Sam Seaborn (Rob Lowe). Außerdem zählen die smarte Pressesprecherin C.J. Cregg (Allison Janney), Joshs nie um einen Spruch verlegene Sekretärin Donna (Janel Moloney) sowie Charlie (Dulé Hill) als persönlicher Assistent des Präsidenten zum Stammrepertoire.
Daneben tauchen im Verlauf der Serie immer wieder neue Charaktere auf, alte verschwinden oder wechseln die Positionen inner- und außerhalb der Administration, sodass schon in dieser Hinsicht viel Abwechslung herrscht.

All diese Charaktere sind jeder auf seine Weise liebenswert und werden von den Schauspielern so toll verkörpert, dass es stellenweise den Anschein hat, als ob ihre Figuren 1:1 aus dem realen (amerikanischen) politischen Alltag kommen. Es ist um jeden traurig, der ganz aus der Serie verschwindet. Hierin liegt auch ein kleiner Wermutstropfen: Einige Charaktere, die viel Potential haben und großartige Unterhaltung versprechen, werden teilweise zu schnell wieder aus der Handlung geschrieben. Andererseits ist man zumindest anfangs mit der Vielzahl an Personen und den für nichtamerikanische Ohren kompliziert klingenden Positionsbezeichnungen erschlagen, sodass ein Aufstocken zu mehr Unübersicht führen würde. Nachvollziehen kann man diese Schnitte also, und mit der Stammbesetzung hat man trotzdem noch genug Personen, denen man sein Herz schenken kann.

Die Charakterzeichnung legt die Grundlage für die Stimmung der gesamten Serie. Denn es gibt keinen Charakter, der bösartig ist. Vielmehr ist jeder, der im West Wing arbeitet, höchst liberal eingestellt und besitzt eine große Portion Idealismus. Man erhält das Gegenteil des Bildes, das gemeinhin in der Öffentlichkeit von Politikern existiert. Das mag vielleicht nicht realistisch sein, sorgt aber dafür, dass man sich ab der ersten Folge in den Räumen und Gängen des Weißen Hauses pudelwohl und zuhause fühlt.

Die Handlung: Wurst, Gesetze und Leidenschaft
Obwohl auch zwischenmenschliche Beziehungen und persönliche Probleme auftauchen (und dankenswerterweise nur selten in einer kitschigen Inszenierung versinken), so liegt der Fokus der Handlung doch hauptsächlich auf der Arbeit des White House Staffs. Und die ist so abwechslungsreich wie an kaum einem anderen Arbeitsplatz. Es müssen Gesetze verabschiedet, ausländische Deligierte empfangen und besucht, allerlei religiöse und andere Interessengruppen konsultiert und bedacht, Beratungen über militärische Schläge abgehalten, Reden ausgedacht und geschrieben, politische Freunde und Gegner überzeugt oder von Vorhaben abgebracht, die Verteilungen im Congress beachtet, die außenpolitischen Entwicklungen im Auge behalten und nicht zuletzt Wahlkämpfe geführt werden. Chief of Staff Leo McGarry wurde dazu schon in einer der ersten Folgen folgendes Zitat in den Mund gelegt:

There are two things in the world you never want to let people see how you make ‚em – laws and sausages.

Das war eine der sehr raren Situationen, in denen der Politprofi falsch lag, jedenfalls aus Sicht des Serienzuschauers. Denn es ist unglaublich spannend zuzusehen, welch kreative Verrenkungen der Staff anstellen muss, um ein Ziel zu erreichen. Gleichzeitig wird dem Zuschauer nach und nach abgewöhnt zu glauben, dass es reicht, allein das Ziel einer politischen Aktion vor Augen zu haben. Denn bei fast jedem Problem gilt es, sämtliche Facetten zu beleuchten, Vor- und Nachteile abzuwägen und weitsichtig genug zu handeln, damit das nächste Projekt nicht an verstimmten Nationen, Interessengruppen oder Politikern scheitert. Beispielsweise steht Präsident Bartlet in einer Folge vor dem Problem, dass ein Staatsgast politisches Asyl sucht und er dieses auch gerne gewähren würde, die USA aber keine Verstimmung mit dessen Heimatstaat riskieren können, da dies dann fatale Auswirkungen auf die wirtschaftlichen Beziehungen haben dürfte und zudem ein militärischer Konflikt zwischen diesem Land und einem Drittstaat drohen könnte.
Das ist nur eine von unzähligen Situationen, mit denen sich die Administration beschäftigen muss. Ob es um ein falsches Wort in einer Pressekonferenz geht, ob Naturschutzfragen beantwortet werden müssen, eine falsche Flagge für das Staatsdinner hingestellt wurde oder ob es um eigentlich normale persönliche Probleme eines hohen Tiers im Kabinett geht, das ihn die Karriere kosten könnte. Sowohl unvorhersehbare als auch selbstgemachte Probleme gilt es zu bewältigen und dabei kreative Lösungswege und Spins zu finden. Dabei arbeitet nicht jeder stur in seinem Berufsfeld. Der Präsident konsultiert längst nicht nur Leo McGarry, sondern holt sich Meinungen von vielen verschiedenen Personen ab, die wiederum selbst bei Kollegen und auch schon mal ihren Sekretärinnen nachfragen, was sie von einem Plan halten. Dann muss noch schnell jemand auf „den Hügel“ flitzen, um dem Senat kurz vor knapp eine Änderung in einem Gesetzestext vorzuschlagen. Dafür fehlt diese Person dann wieder, um mit einer ausländischen Delegation über Waffenprogramme zu diskutieren. Also gilt es, hierfür einen spontanen Ersatz zu finden. Alles ist verzahnt und kein Tag wie der andere.
Insoweit glaube ich schon, dass die Serie sehr nah an der Realität ist.

Communications Director Toby hofft, dass Pressesprecherin C.J. die richtigen Worte trifft. | Quelle: DVD The West Wing
Communications Director Toby hofft, dass Pressesprecherin C.J. die richtigen Worte trifft. | Quelle: DVD The West Wing

Das dauernde Schlittern in Probleme wird unglaublich unterhaltsam rübergebracht, ernste Situationen mit der nötigen und angemessenen Portion an Humor gewürzt, ohne dass es klamaukig wird. Für Spannung sorgen innerhalb der Folge meist ein bis drei kleinere Handlungen, die sich mit einem bestimmten Problem beschäftigen und einzelne Charaktere oder kleinere Gruppen fordern. Daneben gibt es längere Hintergrundthemen, die über die Staffel und – in Form von fiesen Cliffhangern – darüber hinaus gehen. Dieses Gerüst trägt die Serie über fast alle Staffeln hinweg, auch wenn nicht jede Staffel das himmelhohe Niveau halten kann, dass sich die Serie insbesondere in der zweiten und dritten Staffel auferlegt. Es zieht sich im Verlauf ein wenig, ehe die Geschehnisse zum Serienende hin nochmals ordentlich anziehen und die Serie damit einen absolut würdigen Abschluss bescheren. Langeweile kommt jedoch nicht auf.

Die kleinen Problemchen sind es auch, bei der die Serie ihrem Bildungsauftrag mehr als nachkommt. Da gibt es Probleme mit einem Gesetz, bei dessen Abstimmung im Senat ein Patt droht. Hier nutzt ein Politiker seine Redezeit bis zum Exzess aus, dort muss ein Kongressmitglied im Oval Office weilen, während der Präsident vor dem Parlament eine Rede hält. Und dann verschwindet wieder ein Gastgeschenk eines Staatsoberhauptes, dass eigentlich streng nach Protokoll auf dem Tisch stehen sollte. Das alles ist nicht annähernd so langweilig wie es klingt und diese Besonderheiten des US-amerikanischen Politsystems und seine gesamte Funktionsweise werden so beiläufig erklärt und fügen sich so glaubwürdig in die Handlung ein, dass man eine Menge lernt, ohne auch nur ansatzweise den Oberlehrer zu sehen. Gleichzeitig werden (zur Erstausstrahlung) aktuelle gesellschaftliche Themen, globale Krisenherde und Probleme von mehreren Seiten beleuchtet, die allerdings auch heute noch interessant und teils schonwieder Gegenstand der aktuellen Politik sind. In neuester Zeit hat eine ähnliche Herangehensweise die Serie „Boston Legal“ versucht, die ich zwar sehr mag, die das aber mit ihrer Holzhammermethode in Form eines Plädoyermonologs vor Gericht am Ende vieler Episoden nicht ansatzweise so subtil schaffte.

Die Umsetzung: Sie reden und laufen und reden und laufen und…
Was „The West Wing“ aber eigentlich so groß macht ist die Inszenierung. Auf Wackelkamera und Pseudo-Dokulook wird verzichtet, dennoch ist die Kamrea dauernd unterwegs. Steadycam sei Dank läuft das alles in ruhigen Bildern ab. Und die Kameramänner dürften spätestens nach dem dritten Drehtag ihren ersten Marathon hinter sich gehabt haben. Denn das Leben im West Wing findet nur teilweise in einem bestimmten Raum statt, wo die Charaktere stehen oder sitzen. Ein Großteil der Handlung spielt sich in den Fluren ab, durch die sie laufen und dabei in einer Tour unglaublich spitzfindige, trockenhumorige und irrwitzig schnelle Konversationen führen, bei denen die „Gilmore Girls“ vor Neid erblassen. Wenn die Kamera Josh am Eingang des West Wings abholt, ihn von vorne zeigt, wie er mit C.J. kurz die Außenpolitik diskutiert, Sam von der Seite dazukommt, die Kamera mit C.J. den Flur verlässt, um eine Ecke schenkt und sie gleich wieder einfängt, während sie mit Toby die Pressekonferenz durchgeht, beide dann im Oval Office ankommen und das ganze über eine Minute keinen einzigen Schnitt beinhaltet, will man Zurückspulen und die ganze Sequenz sofort nochmal schauen. Wieder realistisch, wieder unterhaltsam, wieder perfekt.

Ein nur allzu vertrautes Bild: Josh und Toby laufen durch die Gänge des West Wings und diskutieren. | Quelle: DVD The West Wing
Ein nur allzu vertrautes Bild: Josh und Toby laufen durch die Gänge des West Wings und diskutieren. | Quelle: DVD The West Wing

Die (englischen) Dialoge sind zwar oft von Fachbezeichnungen und Abkürzungen durchsetzt, wenn man sich aber zwei oder drei Folgen in das Feuerwerk reingehört hat, muss man nur selten das Internet bemühen, um etwas nachzuschlagen. Oft habe ich dies aber auch dann gemacht, wenn ich der Handlung folgen konnte, nur um etwas mehr über dieses politische Problem oder die Aufgabe jener Behörde erfahren zu können.

Und nicht zuletzt hat Aaron Sorkin für mich auch in der Rubrik „Montage“ die Qualitätslatte in astronomische Höhen gelegt. Vor allem gegen Ende einer Staffel, wenn die Dramatik auf Hochtouren läuft und in den einzelnen Handlungssträngen die Post abgeht, werden diese mittels eines fantastischen Zusammenschnitts gebündelt und mit einem packenden Score unterlegt. Noch jetzt bekomme ich jedes Mal Gänsehaut und muss an einen weggeworfenen Zigarettenstummel und eine Pressekonferenz denken, wenn die Dire Straits im Radio laufen :).

Etwas Pathos kann sich „The West Wing“ dann aber doch nicht ganz verkneifen. Insbesondere Jed Bartlet hat ab und zu seine kleinen Monologe, in denen er weniger mit seinem Gesprächspartner als mit dem Zuschauer redet. Passende Musikuntermalung tut dann das ihrige dazu. Solche Momente gehören aber fast schon zur US-Politik dazu und stören auch nicht weiter, zumal die kleinen versteckten Liebesbekundungen an Amerika ebenso vorhanden sind. Wenn bei einer berührenden präsidialen Rede die Zuhörer gezeigt werden, im Hintergrund verschwommen das Zimmerfenster zu sehen ist und erst dahinter dann die US-Flagge leicht im Wind weht, nervt das nicht sondern man freut sich, wenn man solche kleinen Details schon bei der ersten Sichtung bemerkt. Und von diesen Details gibt es eine Vielzahl. Teilweise laufen bekannte Charaktere im Hintergrund umher, ohne zur Szene direkt beizutragen. Durch solche Kleinigkeiten wirkt die Serie wie aus einem Guss.

Fazit
„The West Wing“ ist wie die politische Arbeit, die sie portraitiert: Hochgradig spannend, auf Sprache und das äußere Bild bedacht und im Bezug auf den dargestellten Idealismus im positiven Sinne ein wenig verlogen. Trotz kleinerer Durchhänger und den mittleren, etwas schwächeren Staffeln hat man unglaublich viel Spaß, wünscht sich, dass die Serie nie aufhört und ist dementsprechend traurig, wenn die liebgewonnenen Charaktere ein letztes Mal auftreten. Fantastische Kamerafahrten und die besten Dialogduelle, die ich bisher erleben konnte, sorgen für permanente Unterhaltung.
Wer auch nur ein winziges Faible für Politfilme hat oder dem Mythos White House etwas abgewinnen kann, erhält hiermit einen Anschaubefehl.
Von mir gibt es 9.5/10 Punkten.

Eckdaten
Genre: Politik, Drama
Produktion: 1999-2006
Produziert für: NBC
157 Episoden in 7 Staffeln
Laufzeit pro Folge: ca. 42 Minuten

6 Kommentare

  1. Dem kann ich nur zustimmen. Eine meiner absoluten Lieblingsserien, wenn nicht sogar die Lieblingsserie überhaupt. Das einzige Manko sind tatsächlich vorzeitig abgebrochene Handlungsstränge bzw. character arcs, doch aufgrund der Vielzahl wäre alles auf einmal eben auch nicht möglich gewesen. Müsste ich dringend mal wieder von Anfang bis Ende schauen – wenn es nur nicht so viele andere Serien gäbe… 😉

    1. Ich bin damals durch Deine ofdb-Rezensionlinks auf die Serie aufmerksam geworten, ich glaube sogar, bei Dir den Tipp von der günstigen UK-Box gelesen zu haben :).
      Und genug Serien stehen bei mir auch noch an. Gerade wartet „The Wire“ im Regal…

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