The Wire | Serie

„It’s Baltimore, gentlemen. The Gods will not save you“
– Commissioner Burrell

Die wohl anspruchsvollste Serie meiner Serienschaukarriere liegt mit „The Wire“ jetzt hinter mir. Die Eigenschaften, die sie nach der Sichtung der ersten Staffel offenbarte, hat sie sich über die gesamte Lauflänge behalten und in den den Unterhaltungswert entscheidenden Punkten noch so mache Überraschung vorgesetzt. Dennoch wird es nicht meine Lieblingspolizeiserie.
HINWIS: DIE REZENSION IST SPOILERFREI

Trinkfeste Detectives: Jimmy McNulty und  „Bunk“ Moreland heben gerne mal einen miteinander. | Quelle: DVD The Wire
Trinkfeste Detectives: Jimmy McNulty und „Bunk“ Moreland heben gerne mal einen miteinander. | Quelle: DVD The Wire

Eine Stadt auf der Couch

Das rote Band bildet auch durch die weiteren Staffeln hindurch die Drogeneinheit der Polizei Baltimores, es wird dabei staffelweise jedoch mitunter stark ausgefranst. Denn einerseits steht der gewohnte Aufbau mit einem großen und vielen, vielen kleineren Handlungen. Aktion der Polizei und Konteraktion der Drogenwirtschaft (oder durchaus auch umgekehrt) sind weiterhin an der Tagesordnung, das Katz- und Mausspiel in den Straßen geht munter weiter und die Verhältnisse innerhalb von Polizei und Organisation werden gehörig durcheinander gewürfelt. Dabei spielt nicht zuletzt das namensgebende Wire eine Rolle, denn die Serie folgt der technischen Veränderung, die für beide Seiten mit der Zeit Neuerungen bringt, mit denen scheinbar der Durchbruch gelingt.
Aber auch wenn die Drogenproblematik die zentrale Rolle in der Serie spielt, werden Ausflüge in verschiedene Bereich der Gesellschaft unternommen, die bestimmend für jeweils eine Staffel sind, sich am Ende der vorangehenden Folgen aber schon ankündigen und später langsam auslaufen. So wird anhand von Gewerkschaftsmachenschaften, des Schulsystems und schließlich auch dem Zeitungssterben beleuchtet, wie kaputt das Baltimore in den 2000ern eigentlich war und wie die Verwaltung und Einzelpersonen dabei ihr Stöckchen zu tragen haben. Und vor allem wird das dichte Netz verdeutlicht, in dem sich alle miteinander befinden. Folgenlos bleibt nicht die kleinste Entwicklung, die Auswirkungen auch auf ferne Personen kommen also früher oder später immer.
Dabei wird stets ausgewogen von beiden „Seiten“ erzählt und so verhindert, dass ein Schwarz-Weiß-Bild entsteht. Das Manko ist dabei die Spannung, die sich dem allwissenden Zuschauer manchmal nicht offenbaren will.
Der Bruch in den Schwerpunkten ist insbesondere Anfang der zweiten sowie der fünften Staffel stark spürbar und passt sich dort nicht so recht in das harmonische Gesamtgefüge der Serie ein, auch, weil jeweils gleich eine ganze Wagenladung neuer Charaktere zu schnell auftaucht.

Business Meeting: Avon und D'Angelo Barksdale sowie "Stringer" Bell (Mitte) sind der Polizei meist einen Schritt voraus. | Quelle: DVD The Wire
Business Meeting: Avon und D’Angelo Barksdale sowie „Stringer“ Bell (Mitte) sind der Polizei meist einen Schritt voraus. | Quelle: DVD The Wire

Die Komplexität und damit der hohe Anspruch lässt zwar nach der ersten Staffel gefühlt etwas nach, bewegt sich aber weiterhin auf dem höchsten Niveau, das ich bis dahin gesehen habe. Das ist wohl der Preis für den hohen Informationsgehalt in Sachen Verstrickung und Charakterzeichnung, der da serviert wird.
Man lernt also so eine Stadt in kennen, die man in all ihren Facetten nur abstoßend finden kann. Durch die Schilderungen wächst aber zugleich das Verständnis für die (fiktiven) Personen in der Serie, die alles daran setzen, dieses Drecksloch besser zu machen oder zumindest darin überleben wollen.

Charaktere neben der Spur

Eben diese Charaktere sind es, die die zweite, letztenendes stärkere Ebene der Serie bilden. Allen Protagonisten ist es gemein, dass sie mal mehr, mal weniger im Fokus der Handlung stehen. Die Kerncharaktere aus der ersten Staffel bleiben jedoch erhalten und begleiten einen dauernd, auch, weil viele von ihnen Arbeitsauftrag oder gleich den Arbeitgeber bzw. die Organisation wechseln.
Man kann trefflich streiten, welche Person in einer bestimmten Staffel nun der Hauptcharakter ist. Allen ist aber gemeinsam, dass sie unglaublich gut gezeichnet sind. Es gibt niemanden, der ins Klischee passt oder der irgendwie fehlplatziert wirkt in der rauhen Umgebung Baltimores. Der Zuschauer kann sich seinen Liebling aussuchen und muss hoffen, dass er bei seinem Kampf gegen die Kriminalität oder bei seinem Kampf im sozialen Strudel nicht zu der Unzahl an Leichen gehört, die die Handlung hervorbringt. Angefangen von Drogenabhängigen Bubbs, der sein Leben vielleicht doch noch auf die Reihe kriegen will, über Omar Little, der das Gesetz, unterfüttert mit unglaublich schwarzhumorigen Onelinern, gleich selbst in die Hand nimmt bis hin zu den einzelnen Polizisten gibt es im Grunde nur Antihelden in den Geschichten, die dennoch liebenswert sind und bei denen man nicht weiß, wessen Schicksal man am bedauernswertesten finden soll.
Von letzteren ist wohl vor allem Jimmy McNulty zu nennen, der gegen seine eigenen Dämonen zu kämpfen sowie von allen Charaktern wohl die größten Abstürze zu meistern hat und der so aus den ganzen großartigen Charakteren noch einmal hervorsticht, weil ihn die Autoren zu einem der ambivalentesten und bestgezeichnetsten Charaktere der Seriengeschichte gemacht haben. Umso bedauernswerter sind meiner Meinung nach seine Entwicklung und seine Entscheidungen in der letzten Staffel, die zwar durch seine Vorgeschichte konsequent, aber dennoch etwas bemüht konstruiert wirkt.
In teils langen Dialogen werden die Beziehungen dieser Charaktere zueinander gefestigt und damit zugleich ein weiteres Highlight geschaffen. Denn auch diese Dialoge gehören auf der Bestenliste in die obersten Regionen, so durchdacht, trocken und witzig wie sie sind.

Omar Little wählt zumeist seine eigene Seite. | Quelle: DVD The Wire
Omar Little wählt zumeist seine eigene Seite. | Quelle: DVD The Wire

Tonloser Tod

Der in einem ganz großen Teil der Handlung – die fünfte Staffel fällt wie gesagt für mich etwas ab – verfestigte Realismus setzt sich auch in der Inszenierung fort. Es wird in der gesamten Serie nur zweimal auf optische Bildverfremdung zurückgegriffen, die Kamera bleibt ansonsten enorm ruhig und unaufgeregt. Bis auf Montagen am Staffelende ertönt auch weiterhin kein Soundtrack oder Score, die Musik kommt ganz nach den Dogma-Regeln aus den Szenen selbst, aus Autoradios oder dergleichen. So werden die zahlreichen Tode und anderen dramatischen Höhepunkte etwas unspektakulär inszeniert, die Macher haben sich bei der Empathieerzeugung ganz auf ihre Geschichten verlassen, die größtenteils nichts weiter tun, als den Alltag in einer drogenverseuchten, korrupten und teilweise aufgegebenen Stadt widerzuspiegeln. Auch ein paar kleine Seitenhiebe auf andere Medienprodukte wurden eingestreut, etwa dann, wenn ein Polizeifrischling kurz vor einer Hausdurchsuchung fragt, wo die hochgerüsteten SWAT-Teams seien und das ganze dann unglaublich unspektakulär abläuft.
Auch der Kniff, den Anspruch hoch zu halten, indem (auch wichtige) Handlungsteile mitunter nur kurz aufgezeigt werden oder sogar ganz außerhalb des Sichtfensters ab- und weiterlaufen, ist der Thematik zuträglich, denn so ist die schwierige Polizeiarbeit in diesem Dschungel aus Nichtkooperation, Lügen und Hinweisschnipseln für den Zuschauer fast körperlich spürbar. Und auch wenn man sich in das Kauderwelsch aus Slang und anderen Sprachen erst reinhören muss, ist die englische Tonspur hier dringend angeraten, denn nur damit kann man sich so richtig in den baltimore’schen Sumpf hineinversetzen.

Fazit

„The Wire“ hat mir sehr viel Spaß gemacht, mir ein – soweit ich das beurteilen kann – hochrealistisches Bild der Polizeiarbeit geliefert, für mich gesellschaftliche Probleme portraitiert, das Schwarz-Weiß-Denken abgewöhnt und mir gleichzeitig so einiges an Aufmerksamkeit abverlangt. Die starken Charaktere, deren hochdramatische Schicksale, deren Kampf gegen ihre jeweiligen Dämonen und für ein besseres Leben sowie die sehr gelungene, realistische Umsetzung und letztlich der dabei nicht auf der Strecke bleibende Humor trösten über einige wenige Längen hinweg und lassen auch die im Gesamtbild leicht abfallende zweite und fünfte Staffel fast vergessen. Hätte die Serie noch etwas mehr für die (Fall-)Spannung getan, wäre das wohl zulasten des Realismus gegangen. Dann hätte sie jedoch The Shield als meiner weiterhin liebsten Polizeiserie ernsthafte Konkurrenz machen können.
Von mir gibt es 9/10 Punkte.

Gesehen: DVD / englisch mU

Eckdaten
Genre: Krimi / Drama
Produktion: 2002 – 2008
Produziert für: HBO
60 Episoden in 5 Staffeln
Laufzeit pro Folge: ca. 55 Minuten

Weiterführende Links
[INDIREKTE SPOILER!] Straßenkarte von Baltimore mit Handlungsorten

6 Kommentare

    1. Ein wenig Durchhaltevermögen ist in der Tat angebracht. Nicht, weil sie so zäh wäre, sondern eher, damit man sie in ihrer ganzen Pracht würdigen kann. Am besten schaut man sich die Serie im Urlaub an… einem 3 monatigen Urlaub… und nimmt danach gleich nochmals Urlaub 😉

  1. Ach, sieh an … gerade mit den häufigen Vergleichen zu „The Shield“ lief mir „The Wire“ auch schon mehrmals über den Weg, ohne daß ich jemals einen Blick riskiert habe. Das sollte sich wohl wirklich langsam ändern.

    Übrigens hätte ich an dieser Stelle kein Problem mit deutlich mehr Football-Kram. Geht ja schließlich wieder los! Und nicht zuletzt hat Coach Zimmer zumindest in der Pre-Season starke Vikings präsentiert … 😉

    1. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, warum das andauernd verglichen wird. Die beiden Serien sind sich so ähnlich wie „Django Unchained“ und „12 Years a Slave“. In beiden geht es um die Polizei, beide beginnen mit „the“, das war es aber auch. 🙂 „The Shield“ ist deutlich actionlastiger, „unrealistischer“ und auch etwas einfacher gestrickt als „The Wire“. Beide machen großen Spaß, aber insgesamt ist erstere für mich aber etwas unterhaltsamer.

      Das mit dem Footballkram ist so eine Sache. Ich habe seit dem Anfang nicht viel gefunden, worüber ich hätte fundiert schreiben können. Zudem bin ich eher der GFL- und weniger der NFL-Gucker. Aber Du kannst gerne mal auf meiner zweiten Seite vorbeischauen, die ist deutlich footballlastiger. 🙂

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