True Detective Staffel 1 | Serie

„I’m sorry. But thank you.“
– Maggie

True Detective“ . Staffel 1. Jaja, so spät. Mir wurscht. Vielleicht war es gar nicht so schlecht, den Hype-Tsunami zum und nach dem Release erstmal abebben zu lassen, denn so hatte ich die Serie ohne übersteigerte Erwartungen ganz für mich, konnte in aller Ruhe das Quietscheentchen nehmen, die Schwimmflügel aufblasen und voller Genuss in diese grünbraunen Bajousuppe namens „True Detective“ hopsen. Es war nur zu hoffen, dass mich keine qualitativen Untiefen erwarten.

[HINWEIS: Die Rezension ist spoilerfrei, ganz am Ende des Artikels gibt es einen gekennzeichneten Spoilerbereich]

1995: Marty (rechts) lernt Rust kennen und merkt schnell, dass er... speziell ist. Quelle: "True Detective"-BD (S01E01)
1995: Marty (rechts) lernt Rust kennen und merkt schnell, dass er… speziell ist.
Quelle: „True Detective“-BD (S01E01)

Und von Anfang an empfängt einen „True Detective“ mit einer unglaublich dichten und düsteren Atmosphäre. Zu der trägt vor allem die Inszenierung bei, bei welcher David Fincher seine „Se7en“ Sachen packen kann. Die Trostlosigkeit des luisianaischen Hinterlandes mit all seinen Sümpfen und Feldern, den kleinen Dörfchen und verrottenden Industrieanlagen wird von Adam Arkapaw in bedrückenden Bildern so toll eingefangen, dass es mich schon allein vor der Kulisse gegruselt hat. Der perfekten Einsatz von gedeckten Farben und vor allem von Licht in dunklen (Nacht-)Szenen transportiert eine bedrückende Stimmung, die vom grandiosesten Serienvorspann seit Langem etabliert wird. Einzelne Szenen haben sich mir nachhaltig ins Hirn gebrannt (der laufende Gasmaskenmann hat mich nachts darauf im Traum besucht).

Und inhaltlich? Da gibt’s die beiden Protagonisten, die Polizisten Hart (Woody Harrelson) und Cohle (Matthew McConaughey) und es gibt den mystischen Mordfall. Freunde des „Tatort“ werden mit letzterem nicht besonders glücklich, denn beim Auflösen des Falls ist man als Zuschauer auf die Arbeit der beiden Cops angewiesen, ohne selbst großartig mitraten zu können. Und überhaupt verschwindet die Frage nach dem Täter zuweilen hinter der Charakterzeichnung, sodass ich episodenweise weniger der Auflösung wegen als vielmehr durch das Schicksal von Hart und Cohle gefesselt war. Diese inhaltliche Aufteilung hat mich stark an die erste Staffel von „The Wire“ erinnert, wo dem Mordfall zwar über die Staffel hinweg nachgegangen wird, schnell aber andere Aspekte der Charaktere und der Geschichte in den Vordergrund treten und der Mordfall selbst nur noch zur Etablierung markanter Szenen („Fuck“. „Fuck“. „Fuck“…) dient.

Dieser nette Mann ist nach wie vor Rust Cohle, jedoch inzwischen um 17 Jahre gealtert und um einige Erfahrungen reicher. Quelle: "True Detective"-BD (S01E01)
Dieser nette Mann ist nach wie vor Rust Cohle, jedoch inzwischen um 17 Jahre gealtert und um einige Erfahrungen reicher.
Quelle: „True Detective“-BD (S01E01)

True Detective“ erzählt damit für mich in erster Linie von den Leiden des jungen Hart und des jungen Cohle, wie sie sich ab 1995 in den Mordfall verbeißen und dabei scheinbar klare Charakterzeichnungen offenbaren. Der Kniff, die Geschichte in 2012 von den beiden nacherzählen zu lassen, trägt wunderbar zu deren Entwicklung bei, denn schon rein optisch haben Harrelson und McConaughey zu dieser Zeit nichts mehr mit ihren jüngeren Ichs gemeinsam. Auf dem Weg in die Gegenwart tun sich nach und nach nicht nur in Sachen Verbrechen Abgründe auf. Auch und gerade Hart und Cohle offenbaren ihren Charakter immer deutlicher. Vor allem Cohle bringt durch seine philosophische Ader zudem Welt- und Menschenansichten ein, durch die die insgesamt gut geschriebenen Dialoge oft zur Szene passen, zuweilen aber scharf an der Grenze zum Klischee schrammen. Generell spielt „True Detective“ mit allerhand Klischees auf allen Ebenen (mehr im Spoilerbereich) und übertreibt es damit zuweilen, bringt es jedoch gleichzeitig fertig, dass sie mir nur sehr selten negativ aufgefallen sind. Dafür ist die Inszenierung zu atmosphärisch und die Frage, was aus Hart und Cohle wird, zu spannend.

Hätte Autor Nic Pizzolatto also etwas besser machen können? Es gibt Details, aus denen ich nicht so ganz schlau geworden bin. Bei Harts Familie wurde storymäßig einiges liegengelassen (mehr im Spoilerbereich). Der Fall hätte eine Ecke spannender und weniger charakterunterstützend sein können. Die Nebencharaktere sind zu schwach ausgearbeitet, hierzu wäre mindestens eine weitere Episode Spielzeit sicher besser gewesen. Ein paar überdeutlich eingebaute Klischees hat es nicht gebraucht und die letzten 20 Minuten des Staffellinales hätten für mich auch spannender und weniger klischeebeladen sein dürfen (mehr im Spoilerbereich).
Ganz rund ist „True Detective“ deshalb nicht, aber über diese Dinge kann ich insgesamt hinwegsehen und mich an der Atmosphäre erfreuen, an der Darstellung der (mutmaßlich) realistischen Polizeiarbeit in einer überstilisierten Umgebung, an dem mystischen Einschlag, der vom Südstaaten-Spielort aufgenommen wird und nicht zuletzt am dringend benötigten Witz, den trotz aller Düsternis vorhanden ist und vor allem von Woody Harrelson mit seiner Mimik eingebracht wird. Achja, Woody: Er zeigt auch hier einmal mehr, was für ein grandioser Schauspieler er ist und überflügelt für mich den ebenfalls tollen Matthew McConaughey.

Die erste Staffel „True Detective“ ist mit ihren knapp 8 Stunden Spielzeit ein Gesamtkunstwerk mit kleinen Macken für Romanfreunde, die eine Charakterstudie sowohl am Menschen als auch an einer ganzen Region zu schätzen wissen, die Spaß an Bildern, an Detailentdeckung, Philosophie, Psychologie und einer dickeren Metaebene haben. Man darf es den Machern nicht übel nehmen, dass die Serie in Sachen Klischee am oberen Rand spielt, den Mordfall stiefmütterlich behandelt und es viele Aspekte und Entwicklungen in Teilen woanders schon zu sehen gab. Und auch wenn ich durch die kleinen Kritikpünktchen in die allgemeine Lobhudelei über diese Serie nicht komplett einsteigen kann, so freue ich mich doch auf die Zweitsichtung und werde mir auf jeden Fall „The King in Yellow“ zu Gemüte führen, um noch mehr von der Mystik verstehen zu können.

gesehen: BD / OmU

Ich fand gut
  • die Atmosphäre
  • die Inszenierung, vor allem die Kamerafahrten und -flüge
  • die Düsternis
  • die Plansequenz!
  • Woody Harrelsons Witz
  • die mystische Thematik
  • das widerlich-großartige Sounddesign (Messer in der Bierdose!)
Das wäre besser gegangen
  • die bisweilen lieblose Weiterspinnung des Mordfalls
  • die schwachen Seitengeschichten
  • der Einsatz zu vieler Klischees
  • das Finale

Eckdaten zu Staffel 1

Genre: Drama / Mystery / Krimi / Horror
Show Runner: Nic Pizzolatto
Produktion: 2013
Produziert für: HBO
Folgen: 8 à ca. 55 Minuten

Andere Meinungen

Filmherum / Medienjournal (10/10) / Singende Lehrerin (10/10) / Tonight is Gonna Be a Large One 10/10 / Xanders Blog (9/10)

Podcasts: Coopers Kaffee / Serienjunkies: Folge 1, Folge 2, Folge 3, Folge 4, Folge 5, Folge 6, Folge 7, Folge 8

Spoilerbereich (Aufklappen zum Lesen)

Die Klischees
Harts Familie
Warum ich das Ende nur so mittelgut fand

2 Kommentare

  1. Eine interessante Betrachtung, der der zeitliche Abstand bestimmt gut getan hat. Werde ich wohl bei der zweiten Staffel so handhaben, obwohl der Hype dort ja eher in die andere Richtung ging… 😉

    Was deine Kritikpunkte angeht: ja, kann man schlecht wegdiskutieren, ich möchte es dennoch versuchen… 😉

    Also: Für mich ist „True Detective“ über weite Strecken auch einfach Pulp Fiction, sprich die klischeehaften Elemente fügen sich für mich sehr organisch in diese Welt ein. Na? 😀

    1. Die pulp fiction-These wurde auch im Serienjunkies-Podcast erörtert. Ich habe mich mit dem Genre bisher kaum befasst, wenn es dort klischeehaft zugeht, dann scheint der Plan, genremäßig in die Richtung zu gehen, ja augegangen zu sein. 🙂
      Dass es systematisch eingefügt wurde ist mir ja auch aufgefallen und stellenweise habe ich mich über die Entdeckungen sehr gefreut (vor allem über das im Spoiler angesprochene Mordfallaufklärungsklischee 😀 ), insgesamt war mir das aber zuviel des Guten.

      Von der 2. Staffel habe ich bisher auch bestenfalls Mittelmäßiges gelesen. Da werde ich warten, bis es die DVD mal sehr günstig gibt… ein enormer Vorteil an abgeschlossenen Handlungen pro Staffel. 🙂

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