Vergiss mein nicht! (Eternal Sunshine of the Spotless Mind) | Film

„Vergiss mein nicht!“ ist mir bis vor ein paar Monaten noch nie über den Weg gelaufen. Dann habe ich ihn zufällig in der imdb gefunden, wo seine Wertung von 8.4/10 mein Interesse geweckt hat. Und auf einmal habe ich den von Charlie Kaufman geschriebenen Streifen in fast jeder Lieblingsfilm- und „Muss man gesehen haben“-Liste wahrgenommen.
Unabhängig davon habe ich aufgrund des Todes von Philip Seymour Hoffman in dessen Filmliste gewühlt und spontan „Synecdoche, New York“ gekauft, der ebenfalls von Kaufmann geschaffen wurde.
Und auch wenn ich den noch gar nicht gesehen habe, so bin ich mir sicher, dass er mich begeistern wird, denn „Vergiss mein nicht!“ ist in Sachen Drehbuch das Beste, was ich in letzter Zeit gesehen habe.

Mit der Liebsten im Waschbecken plantschen? In Joels Welt kein Problem. | Quelle: Vergiss mein nicht! DVD / Focus Features
Mit der Liebsten in Muttis Waschbecken plantschen? In Joels Welt kein Problem. | Quelle: Vergiss mein nicht! DVD / Focus Features

Dabei geht die Geschichte um Joel (Jim Carrey) und Clementine (Kate Winslet) recht konventionell los. Beide sind in Sachen zwischenmenschliche Beziehung etwas eigen, lernen sich in einem Zug kennen und mögen sich auf Anhieb. Die Beziehung nimmt scheinbar ihren gewohnten Gang, bis Joel Clementine eines Tages besucht, sie ihn jedoch wie einen Fremden behandelt. Er findet heraus, dass sie bei einem Arzt war und ihn aus ihrem Gedächtnis gelöscht hat. Das weckt bei ihm den Wunsch, es ihr gleich zu tun…

Was daraufhin in der restlichen Zeit auf dem Bildschirm passiert ist kreativ, packend, nahegehend und zeitweise höchst verwirrend. Nicht nur, dass die Geschichte in Rahmen- und Binnenhandlung aufgespalten wird, die beiden Stränge aber dennoch tief miteinander verbunden sind. Der Themenkomplex Beziehungen, Erwartungen, Erinnerungen und Enttäuschungen wird (auch) auf psychologischer Ebene auf so absurde, gleichzeitig aber so schöne und individuelle Weise angegangen, dass man nach kurzer Zeit gefesselt ist. Die Story an sich bindet sich da perfekt ein, gibt ihren Teil zum Gesamtkunstwerk dazu und bleibt bis zum Ende spannend. Da stimmt einfach alles, vom Handlungskonstrukt über den Spannungsaufbau bis hin zu den Charakteren, von denen jeder einzelne seine Bedeutung hat und sinnvoll eingearbeitet ist. Alles wirkt durchdacht, nichts passiert zufällig. Alles folgt dem Weg eines nüchtern denkenden Gehirns in den verrückten Abgrund der Gefühle. Man muss den Film allerdings schon sehr aufmerksam schauen, denn es wird dem Zuschauer überlassen, das Puzzle zusammenzusetzen. Eine große Stärke ist auch, dass die Prämisse von der Möglichkeit des Gedächtnisausradierens einfach da ist. Es wird keine Zeit darauf verschwendet, die Technik genauer zu erklären oder sie als etwas Besonderes hinzustellen. Man geht zum Arzt, da wird man behandelt, das war’s. Der Fokus liegt allein auf den Charakteren.

Jim Carrey hat schon in anderen Filmen bewiesen, dass er auch ernstere Rollen draufhat. Sein typisches Mimikspiel bleibt zwar auch hier nicht aus, den Kasper gibt er aber nicht. Vielmehr verleiht er Joel soviel Menschlichkeit und Sympathie, dass man mit ihm mitfiebern muss und ihm einen glücklichen Ausgang wünscht, auch wenn man noch gar nicht erfasst hat, worum es in dem Film letztendlich geht. Kate Winslet steht dem in nichts nach, indem sie die unangepasste Clementine mit leichtem Hang zum Sozialautismus überzeugend verkörpert.

Auch die Inszenierung trägt einen guten Teil zum transportierten Gefühl der Verwirrtheit und Unsicherheit bei. Mit mitunter arg einfachen Mitteln wie dem häufigen Einsatz von selektivem Licht und Farbverschiebungen kämpft man sich mit Joel durch dessen Gehirn und bekommt seine Gedanken und Erinnerungen mit. CGI wird spartanisch eingesetzt, ist aber nie Selbstzweck. Das alles erinnert zwar mitunter an den 90er-Videolook, passt sich aber wunderbar in die Geschichte ein. Terry Gilliam würde es die Freudentränen in die Augen treiben, denn optisch (und in gewissem Maße auch inhaltlich), erinnert „Vergiss mein nicht!“ an Werke wie „Tideland“ und, etwas abgeschwächt, auch an „Fear and Loathing in Las Vegas“.

„Vergiss mein nicht!“ holt den Zuschauer ab, weil es bekannte Situationen und Probleme enthält, die so oder ähnlich ein Großteil der Menschen schonmal erlebt hat. Der Film gibt zwar keine Antworten, beleuchtet das Thema aber so, dass man zwangsläufig drüber nachdenken muss. Die Unterhaltung bleibt dabei nicht auf der Strecke, solange man auch nur ansatzweise etwas mit gut durchdachten Geschichten anfangen kann und nicht auf Spezialeffekte besteht. Ein Film, der noch lange nachwirkt, nicht unbedingt durch seine Inszenierung, dafür umso mehr durch seine Thematik. Der beste „Liebes“film, den ich bisher sehen durfte.
Von mir gibt es 9,5/10 Punkte.

Gesehen: DVD / englisch

Eckdaten: 2004 / 104 Min / FSK 12
Genre: Liebesdrama / Tragik / (Komödie)
Regie: Michel Gondry

Ähnliche Thematik hat: „Inception“ / „Identity“

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