Victoria | Film

I am the fucking driver!
– Victoria

Meine größte Angst vor dem Kinobesuch war es, dass die Marketingmaschinerie wiedereinmal richtig gearbeitet hat. Das hätte bedeutet, dass im Vorfeld die wenigen positiven Punkte am Film so stark hervorgehoben werden, um damit die Mittelmäßigkeit des gesamten Produkts zu kaschieren. Im Fall von „Victoria“ hätte dies geheißen: Ein Film, eine einzige Einstellung. Hurra! Die Geschichte? Ach, die ist auch ganz toll, aber: EINE EINZIGE EINSTELLUNG!!!
Nach dem Kinobesuch kann ich zu meiner Erleichterung sagen: Die Marketingmaschinerie hat ihre Arbeit nicht richtig gemacht, denn sie hätte ruhig auch einmal die restlichen Elemente dieses gelungenen Films erwähnen dürfen.

Wobei dann doch erstmal die Umsetzung im Raum steht, diese eine Einstellung, in deren fast zweieinhalbstündigen Verlauf die Geschichte erzählt wird. Ich saß die ersten fünf Minuten im Kino und habe auf die Leinwand gestarrt mit dem Wissen, dass kein Schnitt vorkommen sollte. Die Befürchtung war, dass ich mich allzu sehr auf das Handwerkliche konzentrieren würde, vielleicht, um Regisseur Sebastian Schipper und Kameramann Sturla Brandth Grøvlen das Handwerk zu legen und als einziger den sorgfältig versteckten Schnitt zu entdecken.
Hat natürlich nicht geklappt.
Und noch viel mehr: Ich hatte schon gleich nach dem hypnotisierenden Beginn vergessen, was den Film in technischer Hinsicht hervorstechen lässt. Ich war schon mitten drin in der Geschichte um Victoria, war fasziniert von der Eröffnungssequenz und habe bewundert, wie natürlich sich die Geschehnisse entwickln. Und mit der Schwarzblende am Ende habe ich mich gewundert, wo die ganze Zeit geblieben ist. Das dem Film zugrunde liegende Werkzeug hat somit für mich wunderbar funktioniert. Es hat mich festgehalten und in die Erzählung hineingezogen, ohne sich selbst in den Vordergrund zu drängen. Erst im Nachhinein war ich stark beeindruckt von den Fahrten und Wegen, die Sturla Brandth Grøvlen mit der Kamera im Gepäck da durch Berlin vollzogen hat, in Autos und durch Türen, steile Treppen rauf und mitten in wilde Streitereien hinein, ohne jemals den wortwörtlichen Fokus auf das gerade Wichtige zu verlieren.

Und weil ich während des Schauens die Technik vollkommen vergessen hatte, konnte meine gesamte Aufmerksamkeit der Handlung gelten. Ich finde Sebastian SchippersAbsolute Giganten“ absolut gigantisch, und das liegt vor allem an der fantastischen Stimmung, die er dort durch Bilder, Musik und Thema aufbaut. Es geht um eine schwierige persönliche Lage, die durch Partymachen und Nocheinmalspaßhaben zumindest für eine Nacht aus dem Weg geräumt werden soll, um Wehmut und Hinauszögern. Deshalb hat mich „Victoria“ sofort gepackt, denn im Großteil des Films findet sich genau diese tolle Stimmung wieder. Wenn Victoria mit Sonne und seiner Gang aus liebenswürdigen Nichtsnutzen durch die nächtlichen Straßen von Berlin ziehen, ihren Lieblingsort aufsuchen und beim Späti ein Bier mopsen, kommt einem das vermittelte Gefühl ziemlich bekannt vor. Solch eine Nacht hat wohl schon jeder einmal (bis dahin und ohne das Biermopsen) durchgemacht. Und auch die Geschichte zwischen Sonne und Victoria funktioniert und wirkt organisch. Da kommen sich zwei Personen innerhalb kürzester Zeit näher und diese Beziehung entwickelt sich, und obwohl man weiß, dass das ganze „live“ und damit in gerade zwei Stunden gespielt ist, wirkt es so glaubhaft, dass man als Zuschauer Empathie für die Charaktere entwickeln kann. So ist auch hier die Technik wieder unterstützend und hilft der Geschichte, ihren Gefühlsstrudel aufzubauen. Der ist im berliner Morgengrauen für die Protagonisten tosend und tief, womit auch die Geschichte bis auf Kleinigkeiten gut funktioniert.

Hinzu kommen mit Laia Costa und Frederick Lau zwei unglaublich sympathische Schauspieler in den Hauptrollen sowie die – bis auf einen fürchterlichen Ausrutscher in der späteren Handlung, der mich sowohl von der Spielweise des Schauspielers als auch von den Texten des Charakters her nur genervt hat – Nebendarsteller, die es bis auf besagte Ausnahme alle schaffen, die improvisierten Dialoge die meiste Zeit über glaubhaft und interessant zu gestalten. An wenigen Stellen hat das Konzept doch seinen Tribut gefordert, weil dann die Dialoge zu repetitiv und langgezogen waren. Ansonsten half die Improvisation dabei, durch die dauerhaft leicht imperfekten Dialoge die Glaubwürdigkeit mitzutragen. Das hat vor allem Frederick Lau und seinen männlichen Kollegen geholfen, die bei vorgeschriebenen Dialogen vermutlich auf grausige Weise den berliner Straßenslang hätten imitieren müssen. So labern sie sich frei von der berliner Schnauze weg und – da Victoria Spanierin ist – in fürchterlichem Englisch durch die Szenen, was zusammen mit Victorias fröhlicher Art wieder eine tolle Mischung ist.

Fazit

Mir hat „Victoria“ vor allem aufgrund der aufgebauten Stimmung sehr gut gefallen, aber auch der mit kleinen Schnitzern versehene hintere Teil der Handlung wurde mit Spannung verfolgt. Die Geschichte wird glaubwürdig und empathieauslösend erzählt und ist nicht nur Vehikel für die eine große Besonderheit des Films. Die Technik der einen Einstellung ist deshalb für mich voll aufgegangen und ich hoffe inständig, dass der Film die Mutigen unter den deutschen Filmemachern hinter den Kinokassen dieser Republik hervorholt. Nur bitte nicht nachmachen, denn ein zweites Mal wird dieses Konzept wohl nicht (so gut) funktionieren.

Gesehen: Kino / OmU

Wiederschaupotential: sehr hoch

Lieblingscharakter: Sonne.
Lieblingsszene: Sonne bringt Victoria zum Cafe.

Eckdaten

Genre: Drama
Herkunftsland: Deutschland
Eckdaten: 2015 / 140 Min / FSK 12
Regie: Sebastian Schipper
Drehbuch: Sebastian Schipper / Olivia Neergaard-Holm / Eike Schulz

Andere Meinungen

Filmherum (1.5/5)

3 Kommentare

    1. Ja, den meine ich. Für mich völlig unverständlich, was da schief gelaufen ist, ob er gar keinen Text bekommen hat, besoffen war oder was weiß ich. So eine Performance erwartet man in einer scripted reality Sendung oder in einem wirklich schlechten deutschen TV-Film. Das hat michtatsächlich kurz aus der Geschichte gerissen.

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