We Need to Talk About Kevin | Film

Zuerst Film und dann Buch? Zuerst Buch und dann Film? Man kann es wohl nie ganz richtig machen. Ich habe jedenfalls zuerst Lionel Shrivers Buch „We Need to Talk About Kevin“ gelesen, ehe dann der Film folgte. Meinen Vorsatz, unvoreingenommen an den Film heranzugehen und insbesondere den Vergleich mit dem Buch nicht zu führen, konnte ich leider nicht ganz verwirklichen.

Wahres Mutterglück! Eva (Tilda Swinton) weiß nicht mehr weiter. | Quelle: We Need to Talk About Kevin Blu Ray / Kino Kontrovers
Wahres Mutterglück! Eva (Tilda Swinton) weiß nicht mehr weiter. | Quelle: We Need to Talk About Kevin Blu Ray / Kino Kontrovers

Das von Lynne Ramsay inszenierte Psychodrama beginnt ziemlich konfus. Es wird wild zwischen Vergangenheit(en) und Gegenwart hin- und hergewechselt und obwohl die Zeitebenen auch farblich etwas getrennt sind, erkennt man fast nur an der Frisur der Hauptfigur Eva Katchadourian, wo man sich gerade befindet. Nach und nach beruhigt sich die Erzählweise dann und man verfolgt mehr und mehr die Entwicklung von Evas Sohn Kevin, von der man durch das achronologische Vorgehen schon weiß, dass er etwas Furchtbares begangen hat.

Dieses Furchtbare ist jedoch nicht Gegenstand der Geschichte, auch wenn es einen passenden Hintergrund darstellt. Erzählt wird von Eva, die – eine erfolgreiche Reisejournalistin und Buchautorin – das Familienleben kennenlernt, schwanger wird und schon vor der Geburt von Kevin Probleme hat, überhaupt eine Verbindung zu ihm aufzubauen. Nach der Geburt will sich ebenfalls kein normales Mutter-Kind-Verhältnis aufbauen und Kevins Verhalten lässt darauf schließen, dass er Evas Bemühungen, ihn zu lieben, absichtlich torpediert. Der Trick der Buchvorlage, aus Evas Ich-Perspektive zu erzählen und dadurch alles Erlebte höchst subjektiv zu interpretieren, wird auch im Film widergespiegelt, ohne dass dies dem Zuschauer allzu deutlich gezeigt wird. Da Tilda Swinton als Eva in der Gegenwart quasi eine Alleinvorstellung gibt, muss man schon mitdenken, um darauf zu kommen, dass die Vergangenheit aus ihrer Sicht erzählt wird.

Überhaupt ist „We Need to Talk About Kevin“ kein Film, den man nach einem anstrengenden Tag gucken sollte. Neben dem Thema sind daran die ganzen Kleinigkeiten schuld, die auf Evas Gefühls- und Gedankenwelt hinweisen und teils gut versteckt sind. Das Buch gibt (naturgemäß) viel mehr Hilfe bei der Interpretation als der Film und auch ich als Vorlagekenner kam auch erst nach dem Lesen des der Blu Ray beiliegenden Essays hinter die Bedeutung der ein oder andere Szene. Der Film nimmt den Zuschauer selten an die Hand und selbst in der Geschichtsentwicklung muss man sich desöfteren aus den Versatzstücken zusammenreimen, was passiert ist. Für die Charakterdarstellung aller Protagonisten wurde auf die richtigen Szenen aus dem Buch zurückgegriffen, die Motivation und Einstellung der Handelnden oft aber auch nur andeuten.

Die Interpretation ist es dann aber auch, die den Film so interessant macht. Während des Schauens kann man Spaß an der stilistisch sehr gelungenen, manchmal etwas zu gewollt arthousigen Inszenierung der Gefühlswelt von Eva haben und die tolle schauspielerische Leistung von Tilda Swinton und den Kevins (alle drei sind super, aber vor allem der mittelalte Jasper Newell ist so gruselig, dass einem Angst und Bange vor eigenen Kindern wird) würdigen, seine Kraft entfaltet der Film aber erst deutlich nach dem Schauen, wenn man zusammen mit Eva darüber nachdenkt, ob nun das Fehlverhalten der Mutter für die Entwicklung verantwortlich ist oder es nun einmal von Grund auf böse Kinder gibt, bei denen Hopfen und Malz verloren sind.

Insgesamt kann ich durchaus verstehen, dass „We Need to Talk About Kevin“ einigen zu konfus, zu nichtssagend und mangels Spannung einfach zu langweilig ist. Wenn man sich aber die Zeit nimmt, den Film aufmerksam zu gucken, sich auf die Prämisse einlässt, dass das alles eine subjektive Erzählung der Protagonistin ist und akzeptiert, dass es auf einige Fragen keine definitive Antwort geben kann, dann kann man mit diesem durch und durch dunklen und albtraumhaften Film seine „Freude“ haben. Wer über mehr Interpretationshilfe froh ist und die Geschichte, insbesondere die Vorgeschichte von Eva, ausführlicher erläutert haben will, dem sei das Buch empfohlen. Mich würden Meinungen von Leuten interessieren, die das Buch vorher nicht gelesen haben. Und vor allem würden mich Meinungen von (werdenden) Eltern zu diesem Machwerk interessieren.
Von mir gibt es 8/10 Punkten.

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